Buchbesprechung: „Heimat – Identität – Glaube“ von Hartmut Koschyk

Als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten sowie als langjähriger Bundestagsabgeordneter hat Hartmut Koschyk die Minderheiten- und Aussiedlerpolitik der vergangenen Jahre entscheidend geprägt und mit vollem Engagement mitgestaltet. Umso bemerkenswerter ist, dass er nun, nur wenige Monate nach seinem Rückzug von seinen politischen Ämtern, eine umfassende persönlich-politische Betrachtung zur historischen und aktuellen Situation der Heimatvertriebenen, Aussiedler und Minderheiten in Europa vorgelegt hat. Heimat, so die einleitende Botschaft, sei als „Korrektiv einer zunehmenden Globalisierung“ heute mehr denn je von Relevanz. Den Herausforderungen der Gegenwart müsse man mit dem Dreiklang von Heimat, Identität und Glaube begegnen.

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik, St. Ottilien 2018, ISBN: 978-3-8306-7881-6.

Koschyk beginnt mit einer Gegenüberstellung der Begriffe Heimat, Nation und Staat und führt eingehend aus, wie sich Heimat von einem klar definierten Rechtsstatut im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem politischen Begriff entwickelte. Dieser Bedeutungswandel sei insbesondere in den, seit der Romantik erstarkenden, Nationalgefühlen zu sehen. Im faschistischen Deutschland wurde Heimat schließlich völkisch-ideologisch aufgeladen. Der Nationalsozialismus pervertierte den Heimatbegriff für eine auf der Ideologie von „Blut und Boden“ basierenden Rassen- und Expansionspolitik.

Im Weiteren erörtert Koschyk, wie das Zusammenleben der Mehrheitsgesellschaften, Minderheiten und Nationalitäten in Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts auf eine schwierige Probe gestellt wurde. Die Hoffnung, die überall in Europa schwelenden Nationalitäten- und Minderheitenkonflikte könnten durch eine auf ethnisch-nationalen Kriterien basierenden Neuordnung der europäischen Staatenwelt in Folge des ersten Weltkriegs gelöst werden, wurde nicht erfüllt. Die Vorstellung der Einheit von Nationalstaat und Staatsvolk schuf stattdessen neue Konfliktfelder und machte letztlich auch Vertreibung und Umsiedlung zu einem anerkannten Mittel der Politik. Nicht zuletzt das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedler und Minderheiten mache dies deutlich.

Die folgenden Kapitel sind der Geschichte der deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler sowie der deutschen Minderheiten im europäischen Ausland gewidmet. In einer Übersichtsdarstellung beschreibt Koschyk zunächst die Rahmenbedingungen und den Verlauf der Aufnahme der Heimatvertriebenen im geteilten Deutschland in den Jahren nach 1945. Dabei wird deutlich, dass die wirtschaftliche und soziale Integration in den Besatzungsregimen und den beiden deutschen Staaten unterschiedlich verlief. Während in der SBZ und der späteren DDR die Vertriebenenfrage weitgehend unterdrückt wurde, konnten sich in der BRD schon früh politische Interessensgruppen und Landsmannschaften bilden. Mit dem Bundesvertriebenengesetz wurde in der BRD auch der rechtliche Status von Heimatvertriebenen und Aussiedlern gesetzlich geregelt. Gleichzeitig war die heimatverbliebene deutsche Bevölkerung in den sozialistischen Staaten des Ostens einem starken Assimilierungsdruck ausgesetzt, was viele Betroffene zur Aussiedlung bewog. Erst die politische Wende der Jahre 1989/1990 ermöglichte den deutschen Minderheitengruppen im östlichen Europa wieder ihre sprachliche und kulturelle Identität in ihrer Heimat zu entfalten. Für die europäische Verständigung haben in den Folgejahren insbesondere auch die deutschen Heimatvertriebenen einen wichtigen Beitrag geleistet, indem sie als „Brückenbauer“ aktiv die Kontakte zu den östlichen Nachbarn suchten.

Mit den politischen Umbrüchen in Ost- und Mitteleuropa erfuhr das Thema Flucht und Vertreibung eine Neubewertung, wie Koschyk im Weiteren schildert. Durch die neuen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme, die ansteigenden Spätaussiedlerzahlen und nicht zuletzt auch durch die ethnischen Konflikte im ehemaligen Jugoslawien stieg das öffentliche und mediale Interesse an den Themen der deutschen Heimatvertriebenen. Als Folge der Ablehnung der Ostpolitik der sozialliberalen Koalition waren die Vertriebenenverbände und ihre Anliegen zuvor weitgehend ins Hintertreffen geraten. Nicht zuletzt die Etablierung der Stiftung, Flucht, Vertreibung, Versöhnung zeige aber, dass heute ein breiter gesellschaftlicher Konsens in der Sache bestehe.

Ein weiteres Kapitel widmet Koschyk der Minderheitenpolitik in Europa. Das Kapitel beginnt mit einem Überblick über die Entwicklungen des europäischen Minderheitenschutzes seit dem zweiten Weltkrieg. Koschyk betont, dass der Schutz ethnischer, religiöser oder sprachlicher Minderheiten in der internationalen Politik lange Zeit kaum Beachtung fand. Erste Impulse zur Etablierung von Minderheitenschutzrechten in Europa setzte der KSZE-Prozess. Weitere wegweisende Übereinkommen waren die „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“, die „Kopenhager Kriterien“ oder das „Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten“. Aber erst seit der politischen Wende der Jahre 1989/90 und im Prozess der europäischen Einigung seien Tendenzen hin zu einem umfassenden Minderheitenschutz festzustellen. Allerdings ist es bis heute nicht gelungen dies auch im europäischen Gemeinschaftsrecht zu verankern. Die Initiative Minority Safe Pack (MSPI), die unter anderem von der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) initiiert wurde, versucht eben diese Leerstelle zu beseitigen.

Im weiteren gibt Koschyk einen Einblick in die gegenwärtige Situation der autochthonen und nationalen Minderheiten in Deutschland, Europa sowie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Auch die deutschen Minderheitengruppen in Übersee werden in der Betrachtung aufgeführt. Als Beauftragter der Bundesregierung hatte Koschyk in den vergangenen Jahren mit den Vertretern und Akteuren der Minderheiten in verschiedenen Staaten Kontakt und kann so auch aus persönlichen Erfahrungen und Begegnungen berichten.

Im letzten Kapitel über die religiöse Dimension der Vertriebenen- und Minderheitenfrage, untersucht Koschyk die Wahrnehmung der Minderheitenfrage in der Katholischen und Evangelischen Kirche und schreibt dem christlichen Glauben eine wichtige Funktion bei der künftigen Gestaltung des Minderheitenschutzes in Europa zu. Die Identität Europas gründe sich im christlichen Glauben und so sei auch Heimat eng im Glauben verwoben. Auch in den Kirchen sei dem Minderheitenschutz stets eine zentrale Bedeutung zugekommen. Dies untermauert Koschyk mit Auszügen aus der Friedensbotschaft, die Papst Johannes Paul II. anlässlich der Feierlichkeiten zum Weltfriedenstag 1989 verlas, worin dieser ein „Recht auf Heimat“ als elementares Prinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens proklamierte und jeder Form der kollektiven Verurteilung aufgrund ethnischer, kultureller oder nationaler Herkunft eine Absage erteilte.

Abschließend gibt Koschyk einen Ausblick in die künftigen Herausforderungen der Vertriebenen- und Minderheitenpolitik. So sei es weiter von zentraler Bedeutung das Geschichts- und Kulturerbe der Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler sowie das Erinnern an Flucht, Vertreibung und Deportation zu erhalten und weiterzutragen. Darüber hinaus müsse die Brückenfunktion der Heimatvertriebenen verstärkt genutzt werden, um den Dialog und die Verständigung in Europa zu fördern. Um die kulturelle Vielfalt Europas zu erhalten, sei es zudem von großer Bedeutung, die sprachliche und kulturelle Identität der Minderheiten in Europa zu sichern. Nicht zuletzt sei die konzeptionelle und inhaltliche Weiterentwicklung eines umfassenden Minderheitenschutzes sowie dessen Verankerung im europäischen Recht eine der großen Zukunftsfragen für ein Europa in Vielfalt.

Sebastian Sparwasser