Gedenktag ist Mahnung und Weckruf für die Gegenwart. Gedenkstunde für Opfer von Flucht und Vertreibung in Berlin

Gedenkstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni 2019 in Berlin, erste Reihe v.l.: Andreas Geisel MdA, Berliner Senator für Inneres und Sport, Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bundesratspräsident Daniel Günther, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, Franziska Giffey MdB, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dominik Bartsch, höchster Vertreter des UNHCR in Deutschland, BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius, Reinhart Guib, Bischof der Evangelischen Kirche in Rumänien (Foto: Markus Patzke/BdV).

Bereits zum fünften Mal wurde in diesem Jahr am 20. Juni der bundesweite Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung begangen. Zu diesem kleinen Jubiläum hatte das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) erneut zu einer Gedenkstunde unter das Glasdach des Schlüterhofes im Deutschen Historischen Museum in Berlin eingeladen.

Erstmals standen dabei politische Reden weniger im Vordergrund als in den vergangenen Jahren. Es sprachen als Gastgeber Bundesinnenminister Horst Seehofer, der Bischof der Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses in Rumänien (EKR), Reinhart Guib, der höchste Vertreter des Hohen Flüchtlingskommissars bei den Vereinten Nationen (UNHCR) in Deutschland, Dominik Bartsch, die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Prof. Dr. Aleida Assmann, sowie der Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), Dr. Bernd Fabritius.

Staatliche und gesamtgesellschaftliche Verantwortung

Horst Seehofer stellte in seiner Begrüßung staatliche und gesamtgesellschaftliche Verantwortung für das Erinnern in den Fokus. Zwar habe der ehemalige Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert einmal erklärt: „Wenn wir über Erinnerung im Allgemeinen und über Erinnerungskultur im Besonderen reden, dann sprechen wir direkt und indirekt immer auch über die staatliche Verantwortung.“ Diese erstrecke sich laut Seehofer etwa darauf, einen würdigen Rahmen für das Gedenken zu ermöglichen. Ebenso wichtig sei jedoch die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für das Thema. Hier ständen die Erinnerungsträger von Flucht und Vertreibung – die deutschen Heimatvertriebenen – besonders im Mittelpunkt, und es sei wichtig, dass am Gedenktag schwerpunktmäßig ihres Leidensweges gedacht werde.

Auf die Leistungen der Vertriebenen blicke er voller Dankbarkeit, erklärte Seehofer, denn sie hätten sich ihrer Verantwortung gestellt: in ihrem Einsatz für den Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, ihrem Festhalten an den prägenden Erinnerungen sowie ihrer über die Jahrzehnte immer wieder gezeigten Verständigungsbereitschaft.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingszahlen des UNHCR, nach denen mehr als 70 Millionen Menschen weltweit von Flucht und Vertreibung betroffen sind, ergänzte der Bundesinnenminister, dass deren Heimatverlust nicht weniger schmerzlich und traumatisch sei. Die Erfahrung der Vergangenheit mache den Gedenktag zu einer Mahnung und einem Weckruf für die Gegenwart.

Einigung Europas lohnt sich

Bischof Guib überbrachte Grüße vom Deutschen Evangelischen Kirchentag, der in diesem Jahr unter dem Leitwort „Welch ein Vertrauen“ steht. Guib erinnerte an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren sowie an Flucht und Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit während und nach dem Krieg. Jeder Einzelne trage Verantwortung, „dass die Geschichte unserer Väter – und unsere Geschichte – nicht umsonst gewesen ist, ja, in die Zukunft hineinwirkt“. Wachsende nationalistische Tendenzen in Europa kritisierte der Bischof und machte deutlich, dass sich Bestrebungen zur Einigung Europas lohnten und dass dafür Vertrauen und Einsatz auch zukünftig notwendig seien.

Zugleich erwachse aus den Erfahrungen der Geschichte die Verpflichtung, heutigen Flüchtlingen in ihrem schweren Schicksal mit Menschlichkeit und Empathie zu begegnen und zu helfen. In einem eindringlichen Gebet am Schluss seines geistlichen Wortes erbat der Bischof gemeinsam mit den Anwesenden den Beistand und die Gnade Gottes sowie mehr Vertrauen und noch größeren Einsatzwillen für eine gemeinsame Zukunft.

Andenken an die Vertriebenen soll moralisches Handeln leiten

Der Vertreter des UNHCR, Dominik Bartsch, stieg mit dem bedrückenden Zeitzeugenbericht eines kleinen Mädchens in seinen Redebeitrag ein. Dieses hatte seinen Vater im Krieg verloren und erlebte, wie Hab und Gut zurückgelassen werden mussten, wie ein Bruder auf der Flucht starb und wie der Leichnam notdürftig in fremder Erde verscharrt wurde.

Was wie ein Bericht aus heutiger Zeit wirkte, offenbarte Bartsch im Folgenden als Schilderung von Erlebnissen eines deutschen Flüchtlingsmädchens am Ende des Zweiten Weltkrieges und zeigte so die Schicksalsverwandtschaft zwischen damals und heute. Unzählige Deutsche hätten sich schuldig gemacht, „doch es war gewiss nicht das kleine Mädchen. Millionen Deutsche wurden nach dem Krieg vertrieben. Sie haben bitteres Unrecht erfahren. Wir sollten ihnen zuhören, solange wir es noch können. Und wir sollten Lehren aus ihrem Leiden ziehen, um es anderen zu ersparen – oder zumindest das Leiden zu lindern.“

Die Gründung des UNHCR sei unter dem unmittelbaren Eindruck des Zweiten Weltkrieges und der mehr als 60 Millionen damaligen Entwurzelten erfolgt. Aus einem Mandat, das nur auf drei Jahre angelegt war, wurden sieben Jahrzehnte Arbeit. Heute blicke man auf den traurigen Rekord von weltweit mehr als 70 Millionen Opfer von Flucht und Vertreibung. Der Gedenktag erinnere auch daran, dass auch Deutschland aufgrund der Allgemeinen Erklärung der Menschrechte, aufgrund internationaler Verpflichtungen und aus Gründen der Humanität verpflichtet sei, den heute Betroffenen zu helfen. „Welch ein unbeschreibliches Glück für Deutschland, dass keine Deutschen darunter sind. Möge das Andenken an die Vertriebenen unser moralisches Handeln leiten – heute und auch morgen“, mahnte Bartsch abschließend.

Flucht- und Migrationserfahrungen sind einmalig

„Wenn es eine Geschichte gibt, die es schwer hat, ihren Platz in der historischen Forschung, in öffentlichen Medien und im allgemeinen Bewusstsein zu finden, dann ist es das Schicksal von Menschen, die Flucht und Vertreibung erfahren mussten.“ Diese Wahrnehmung und die Frage nach den Gründen dafür stellte Professor Dr. Aleida Assmann, die 2018 gemeinsam mit ihrem Mann Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels war, an den Beginn ihrer Ansprache. Die Beobachtung sei umso bemerkenswerter vor dem Hintergrund, dass die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts andauernd von Flucht und Vertreibung begleitet worden sei und dass nicht nur Kriege, sondern auch Friedensschlüsse diese Phänomene ausgelöst hätten.

Womöglich sei der traumatische Charakter der Erinnerungen mit dafür ursächlich, dass man sich diesen nicht gerne stelle. Der Gedenktag könne ein Rahmen und ein Impuls dafür sein, Abwehr und Vergessen – und damit auch Traumata – zu überwinden. Für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft sei es notwendig, solche Erinnerungen aufzuarbeiten, wie dies verstärkt seit den 1990-iger Jahren in Literatur und Film geschehe.

„Flucht- und Migrationserfahrungen sind einmalig, deshalb sollte man sie nicht miteinander vermischen. Man kann sie aber miteinander verknüpfen, um ein tieferes Verständnis zu gewinnen und vom einen Fall für den anderen zu lernen“, erklärte Assmann zum Ende und verwies auf Erkenntnisse aus den 1950-iger Jahren über die „Flüchtlings- und Entwurzelungsparanoia“. Um dieser vorzubeugen, brauche es den menschlichen Empfang und das Angenommen-werden in einer schützenden Gesellschaft. „Wir alle sind Teil einer unabgeschlossenen Migrationsgeschichte, die immer neu weitererzählt werden muss, und wir sind es, die die Verantwortung dafür tragen, wie sie weitererzählt wird“, so Professor Assmann.

Vertreibung prägte Identität und Verhältnis zu Nachbarländern

BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius, der traditionell das Schlusswort zur Gedenkstunde sprach, zitierte die Einleitung des Kataloges zur Ausstellung „Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945“ im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Zeitzeugenberichte von „erschütternder Abgeklärtheit“ berichteten über Flucht und Vertreibung der Deutschen und machten deutlich: „Ähnlich wie das unentschuldbare und verbrecherische Vorgehen Nazideutschlands gegen heute befreundete Völker und eigene Bürger uns geprägt und uns eine Verantwortung für die Zukunft aufgebürdet hat, der sich jede Generation von neuem stellen muss, bleiben Gedenken und Erinnern an Flucht und Vertreibung für unsere gesamte Gesellschaft sinnstiftend und notwendig. Denn: Auch dieses Unrecht, das rund 15 Millionen Deutschen widerfahren ist, und dessen Folgen, haben unser Zusammenleben in Deutschland, unsere Identität und unser Verhältnis zu den Nachbarländern im Osten ganz erheblich geprägt.“

Schlusswort des BdV-Präsidenten Dr. Bernd Fabritius (Foto: Markus Patzke/BdV).

„Aktiver und passiver Migrationsdruck“ wiederum seien verharmlosende Begriffe für das Vertreibungsunrecht, wodurch jedes Jahr mehr Menschen entwurzelt und zu neuen Opfern gemacht würden. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die Menschenrechte müsse diese historische Spirale endlich durchbrochen werden und eine klar normierte Festlegung zur Ahnung ethnischer Säuberungen im vereinten Europa erfolgen, erneuerte Fabritius eine bereits seit vielen Jahren vorgebrachte Forderung des BdV.

Vertreibung, Aussiedlung – Heimat

Wie in den vorangegangenen Jahren wurde die Gedenkstunde programmatisch von einem Zeitzeugengespräch im BMI ergänzt, zu dem in diesem Jahr der Parlamentarische Staatssekretär Stephan Mayer begrüßen durfte.

Moderiert von der Direktorin der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, Dr. Gundula Bavendamm, diskutierten der 92-jährige Ungarndeutsche Georg Richter, die 66-jährige Banater Schwäbin und Präsidenten des Frauenverbandes im BdV, Dr. Maria Werthan, die 35-jährige, in Kasachstan geborene Deutsche aus Russland, Irina Peter, sowie der 36-jährige tschechische Mit-Initiator des Brünner „Marsches der Lebenden“, Jaroslav Ostrčilík, auf dem Podium.

Bemerkenswert waren die unterschiedlichen Erfahrungen von bzw. Begegnungen mit Flucht, Vertreibung und Aussiedlung und die einzelnen Antworten der Podiumsteilnehmer auf die Frage, was Heimat für sie ausmache.

So schilderte etwa der Georg Richter, dass er auf der Basis einer Vereinbarung zwischen Ungarn und dem Deutschen Reich 1944 in die Waffen-SS zwangsrekrutiert wurde und dort dann als Sanitäter dienen musste. Bald schon kam er für fünf Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft, und nach seiner Entlassung musste er, wiederum auf Veranlassung Ungarns, als Volksdeutscher nochmals drei Jahre Zwangsarbeit leisten. Erst 1953 konnte er zu seiner Familie übersiedeln, die unterdessen in Ulm ein neues Zuhause gefunden hatte. Als seine Heimat bezeichnete er das heutige Deutschland, auch wegen seiner Jugenderfahrungen in und mit Ungarn.

Dr. Werthan berichtete, dass sie sich schon in der Kindheit fremd im Banater Wetschehausen gefühlt habe. Die Eltern seien enteignet worden, die rumänische Mehrheitsgesellschaft habe sie – das muttersprachlich deutsche Mädchen – ihre Ablehnung deutlich spüren lassen. Aber auch nach der ersehnten Aussiedlung in die Bundesrepublik Deutschland habe es fast zwanzig Jahre gedauert, bis sie dort wirklich angekommen und angenommen worden sei. Heimat sei für sie heute ihr Wohnort in Deutschland.

In der Kindheit mit dem Verschweigen, Vergessen und dem Ausgrenzen des deutschen Teils der Brünner Stadtgeschichte konfrontiert, wollte Jaroslav Ostrčilík als junger Erwachsener ein Zeichen dafür setzen, dass an alle Facetten der Vergangenheit erinnert und auch eigene Schuld aufgearbeitet werden müsse. Mit großem Mut initiierte er mit zwei Kommilitonen daher den ersten „Marsch der Lebenden“, der die mit vielen Todesopfern verbundene Vertreibung der Deutschen aus Brünn in umgekehrter Richtung – hinein in die Stadt – nachvollzog. Sein Zuhause sei Prag, die Heimat – wo das Herz liege – aber Südmähren und Brünn.

Irina Peter, die 1992 mit acht Jahren nach Deutschland gekommen war, verdeutlichte ein Grundproblem russlanddeutscher Spätaussiedler: In Kasachstan sei sie „die Deutsche“ gewesen; in Deutschland hatte sie Angst, „die Russin“ zu sein und tat zunächst alles dafür, nicht aufzufallen. Die Wiederentdeckung ihrer Identität, wozu sie auch die Herkunft ihrer Großeltern aus Wolhynien zählte, sei wichtig für ihren Lebensweg. Heimat bedeute für sie weniger einen geografischen Ort als vielmehr die Familie, die Sprache, besondere Speisen, Musik, Kunst oder Literatur.

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion mit den anwesenden Schülern (Foto: Marc-P. Halatsch/BdV).

Zuletzt erklärten auch Dr. Bavendamm und Stephan Mayer ihren Heimatbegriff. Bavendamm sah ihre Heimat am Ort ihrer Kindheit in der Nähe von Hamburg und ihr selbstgewähltes Zuhause in Berlin. Heimat sei für sie eine ontologische, gleichsam das Sein bestimmende Kategorie. Mayer bekannte, er sei trotz seiner sudetendeutschen Vorfahren in Oberbayern verwurzelt und empfinde eine solche Verwurzelung in der heutigen Zeit immer stärker geforderter Mobilität als positiv und wichtig.

Mit einer offenen und lebendigen Gesprächsrunde mit Gymnasiasten des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums in Hermannstadt und der Rabanus-Maurus-Schule bzw. der Winfriedschule in Fulda fand die Vorveranstaltung zur Gedenkstunde einen runden Abschluss.

Marc-P. Halatsch/ Pressemitteilung des BdV-Bundesverbandes vom 27.6.2019