
Mit einem Fest, das man kaum besser gestalten kann, feierte Mitte März die Landesgruppe Bayern der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (LmDR) im Senatssaal des Bayerischen Landtags ihr 65-jähriges Gründungsjubiläum. Landesvorsitzende Valentina Wudtke und ihr Team hatten alles aufgeboten, was innerhalb der Landsmannschaft im Freistaat Rang und Namen hat und damit ein ausgesprochen kurzweiliges und interessantes Programm zusammengestellt. Besonders stolz war man, dass Ministerpräsident Dr. Markus Söder, MdL, die Schirmherrschaft über die Geburtstagsfeier übernommen hatte, gehört er doch selbst seit fast dreißig Jahren der Landsmannschaft als Mitglied an. Landtagspräsidentin Ilse Aigner wurde durch Vizepräsident Markus Rinderspacher (SPD) vertreten, der mit seiner Anwesenheit seine besondere Verbundenheit zu den Landsmannschaften in Bayern erneut unter Beweis stellte.
Fröhliche Stimmung herrschte schon vor der eigentlichen Veranstaltung, als man sich im „Steinernen Saal“ zum kleinen Empfang traf, der vom Orchester des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland (BKDR) unter Leitung von Ewald Oster musikalisch umrahmt wurde. Nicht nur die Landsleute aus allen bayerischen Orts- und Kreisgruppen feierten hier ein fröhliches Wiedersehen, auch die Vertreter der befreundeten Landsmannschaften gaben sich ein Stelldichein. So waren unter anderem die Landesvorsitzenden der Landsmannschaften der Schlesier, Dr. Gotthard Schneider, der Ost- und Westpreußen, Christoph Stabe, der Deutsch-Balten, Gertje Anton, der Oberschlesier, Damian Bednarski, der Siebenbürger Sachsen, Werner Kloos, der Karpatendeutschen aus Ruthenien, Nadja Atzberger, und des Bundes der Danziger, Dr. Alfred Lange, im regen Meinungsaustausch mit dabei. Der Bund der Vertriebenen in Bayern (BdV) war durch seinen Landesvorsitzenden Christian Knauer, dessen Stellvertreterin Herta Daniel und den oberbayerischen BdV-Bezirksvorsitzenden Paul Hansel mehr als angemessen repräsentiert.
Pünktlich um 14 Uhr startete mit dem Fahneneinzug der Festakt, der unter dem Motto „Gerne daheim in Bayern – 65 Jahre Geschichte und Kultur“ stand, im nahezu bis auf den letzten Platz belegten Sitzungssaal des ehemaligen Bayerischen Senats. Mit der Bemerkung „Wir fühlen uns wirklich sehr geehrt“ begrüßte Landesvorsitzende Valentina Wudtke besonders die Grußwortredner, Europaminister Eric Beißwenger, MdL, die Beauftragte für Aussiedler und Vertriebene, Dr. Petra Loibl, MdL, und den Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft, Johann Thießen. In allen Ansprachen wurde daran erinnert, dass nahezu alle jetzt aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland zurückgekehrten Landsleute Nachkommen der zur Zeit von Zarin Katharina II. (1729-1796) und ihres Enkels Alexander I. (1777-1825) vorwiegend aus Hessen, Schwaben, Bayern, der Pfalz und anderen deutschen Ländern nach Russland ausgewanderten Menschen seien.
In die Regentschaft der beiden Zaren fallen die drei wichtigsten Auswanderungswellen aus Deutschland nach Russland: der Zug an die Wolga ab 1764, der Zug an den Dnjepr ab 1789 und der Zug ans Schwarze Meer ab 1803. Die ursprüngliche Ansiedlung von Deutschen in Sibirien und Mittelasien erfolgte später. Sie wurde vor allem um die Jahrhundertwende 1900 notwendig, als das Land für die Deutschen im europäischen Russland knapp geworden war. Eine besondere Gruppe bildeten die Wolhynien-Deutschen, die sich zu verschiedenen Zeiten im 19. Jahrhundert in polnisch-russischen Grenzregionen niederließen. Bereits im 18. Jahrhundert, insbesondere aber im 19. Jahrhundert entstanden blühende deutsche Kolonien im Russischen Reich, deren Bewohner es dank ihres Fleißes zu einem beachtlichen Wohlstand brachten.
Grundlegend änderte sich die Situation für die Russlanddeutschen nach der Oktoberrevolution, als sie noch stärker als andere Völker der Sowjetunion unter dem Stalinismus zu leiden hatten. Nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges am 22. Juni 1941 erreichte der in seiner Härte und Grausamkeit unvorstellbare Opfergang der Russlanddeutschen seinen tragischen Höhepunkt. Repressionen, Diskriminierungen, Verfolgungen, Zwangsarbeit, Lagerhaft und Vertreibungen brachten Hunderttausenden von ihnen den Tod. Heute leben die deutschen Auswanderer, soweit sie nicht den Weg der Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland gewählt haben, zumeist in nichteuropäischen Gebieten Russlands, in Kasachstan oder anderen mittelasiatischen Republiken, also weit entfernt von ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten.
Wie die beiden Regierungsvertreter, bezog auch Bundesvorsitzender Johann Thießen klar Stellung zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Landsmannschaft verurteile aufs Schärfste jegliche Art von militärischer Auseinandersetzung und Gewalt gegen die zivile Bevölkerung. Die Russlanddeutschen hätten nie vergessen, welches Leid die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert gebracht haben und unter welchen Repressionen und Deportationen ihre Familien hätten leiden müssen. Sie wüssten, welche Schäden und Traumata der Hass anrichten würde und welche verheerenden Folgen die Gewalterfahrungen noch für die folgenden Generationen haben können. Ein Krieg bringe immer Leid, Tod, Zerstörung und schüre noch mehr Hass. Im Krieg gäbe es keine Gewinner, sondern immer nur Verlierer. Seine Landsleute seien solidarisch mit der ukrainischen Bevölkerung. „Wer sich in dieser Situation auf die Seite Putins stellt, hat in unserer Landsmannschaft nichts verloren“, so Thießen.
Den kurzen Ansprachen schlossen sich ein Videobeitrag über die Tätigkeit der Landesgruppe und schließlich ein begeistert aufgenommener kultureller Teil an. Dieser wurde von den Chören „Singende Herzen“ und und „Sehnsucht“ aus Ingolstadt, der Kindertanzgruppe aus Schweinfurt, der Ballettschule Tettich, Maria Vollmer am Flügel, dem Trio Tatjana Cotelnic, Swetlana Wolf und Dimitar Kuscheff, Ewald Oster und den Interpretinnen Lina Neuwirt und Helena Gold gestaltet. Ehrungen und das Schlusswort der Landesvorsitzenden leiteten zum abschließenden Stehempfang über. C.K.
