
Einen nicht vorhersehbaren Besucherandrang mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BdV-Landesgeschäftsstelle bei der Auftaktveranstaltung zum „Tag der Heimat“ am Samstag, 14. September, im Sudetendeutschen Haus bewältigen. Die ursprünglich vorgesehenen knapp 200 Sitzplätze reichten bei weitem nicht aus, um den aus allen Teilen des Freistaates angereisten Landsleuten gerecht zu werden. Bis zum absoluten „feuerpolizeilichen Limit“ wurden deshalb eilig zusätzliche Stühle in den Adalbert-Stifter-Saal getragen, um sie an dem ausgesprochen anspruchsvollen, fast dreistündigen Programm teilhaben zu lassen. Selbst kritische Geister, wie der frühere oberbayerische SL-Bezirksvorsitzende Hans Slezak, sprachen von einem „ganz besonderen Tag der Heimat“. Begeistert zeigte sich auch Wissenschaftsminister Markus Blume, MdL, der Ministerpräsident Dr. Markus Söder vertrat. Für ihn stellte der Besuch der Veranstaltung „einen Einstand“ beim BdV dar.
Das Leitwort des Festakts „Heimatvertriebene und Heimatverbliebene: Gemeinsam für ein friedliches Europa“ hatte BdV-Landesvorsitzenden Dr. h.c. Christian Knauer animiert, diesen erstmals durch Grußworte von Vertretern der Herkunftsländer eröffnen zu lassen. Sowohl Rumäniens Generalkonsulin Miheia-Mălina Diculescu-Blebea wie Ungarns Konsul Peter Lorenz bedauerten die Vertreibungen und Diskriminierungen der Deutschen in ihren Ländern in den Nachkriegsjahren, zeigten sich aber auch stolz auf den gelungenen Ausgleich mit ihren ehemaligen Landsleuten. Die heute lebenden deutschen Minderheiten würden in beiden Ländern nach Kräften unterstützt und um deren Verbleib geworben. Für beide Diplomaten zähle der ständige vertrauensvolle Austausch und das gelebte Miteinander mit den Landsmannschaften der Sathmarer Schwaben, der Siebenbürger Sachsen, der Banater Schwaben und der Deutschen aus Ungarn heute zur Selbstverständlichkeit.
Dass die Bemühungen gerade dieser beiden Länder auch bei den Heimatvertriebenen und Aussiedlern auf fruchtbaren Boden fallen, wurde in der Festrede des Landesvorsitzenden deutlich. So stellte der frühere Aichacher Landrat die Minderheitenpolitik beider Länder als „beispielgebend für Europa“ heraus. Ungarn sei heute das einzige Land außerhalb des deutschen Sprachraums, in dem die deutsche Minderheit ihre Bildungslaufbahn vom Kindergarten bis zur Universität in der Muttersprache absolvieren könne. Die gesetzliche Regelung Rumäniens, für ihre einst deutschen Bewohner, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, monatliche Renten in die Bundesrepublik zu überweisen, müsste der deutschen Politik eigentlich die „Schamesröte“ ins Gesicht steigen lassen. Bekanntlich hatte Deutschland 2015 für seine verschleppten Zwangsarbeiter lediglich eine einmalige symbolische Anerkennungsleistung in Höhe von 2.500 Euro ausbezahlt.
Eine der heute wichtigsten Aufgaben der Landsmannschaften und des BdV, dem Brückenbau zu seinen Nachbarn, brachte die Tanz- und Späldeel Leba aus Erlangen mit ihren rund halbstündigen Aufführungen sichtbar zum Ausdruck. Mit ihren Darbietungen aus dem reichhaltigen Schatz des pommerschen Kulturguts erntete das Folkloreensemble wahre Beifallsstürme. Mit Liedern im pommerschen Platt und den zugehörigen Tänzen, überzeugten sie nicht nur die Festgäste, sondern präsentierten sich auch als wahre Botschafter für eine völkerverbindende Arbeit. Zusammen mit ihren polnischen und brasilianischen Partnergruppen trägt die rund 35-köpfige Tanzgruppe in besonderer Weise zur internationalen Verständigung bei.
Wie anerkannt der bayerische BdV heute ist, zeigte sich auch an der langen Liste der Ehrengäste unter die sich auch der Haushaltsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Josef Zellmeier, der Direktor des Hauses des Deutschen Ostens, Prof. Dr. Andreas Weber, Dr. Roman Tiutenko von der Ukrainischen Freien Universität München, die Bürgermeister aus Moosburg und Pfaffenhofen an der Roth, Josef Dollinger und Dr. Sebastian Sparwasser sowie die Bundesvorsitzende der Karpatendeutschen Landsmannschaft, Brunhilde Reitmeier-Zwick, gemischt hatten. 13 Fahnenabordnungen, die Trachtenträger der Leba und der herausragenden Donauschwäbischen Singgruppe aus Landshut sorgten für ein beeindruckendes Bühnenbild. Für den richtigen musikalischen Takt sorgten die Original Banater Dorfmusikanten, die sich zudem über den BdV-Kulturpreis 2024 freuen durften.
Wissenschaftsminister Markus Blume, MdL, der sich wegen einer vorangegangenen Veranstaltung etwas verspätet hatte, zeigte sich beim Abschluss des Nachmittags begeistert. Hier spüre man Gemeinsinn, bürgerschaftliches Engagement und Heimatliebe. Mit großem Applaus wurde seine Feststellungen, dass die Förderung der Vertriebenenarbeit zur „DNA der bayerischen Politik“ gehöre und man sich auch weiterhin auf die Unterstützung im politischen wie im kulturellen Bereich durch die Staatsregierung verlassen könne, aufgenommen. „Ich gehe mit vielen guten und neuen Eindrücken aus diesem Termin und Sie können sich darauf verlassen, dass ich wiederkomme“, so der Minister abschließend.
Festrede zum „Tag der Heimat 2024“ des BdV-Landesvorsitzenden Dr. h.c. Christian Knauer
Nachfolgend veröffentlichen wir das Manuskript, das der Rede des BdV-Landesvorsitzenden bei der Zentralveranstaltung zum „Tag der Heimat 2024“, die am 14. September im Sudetendeutschen Haus in München stattfand, zugrunde lag:
Der „Tag der Heimat“ ist nicht nur für die Erlebnis- und Bekenntnisgeneration jährlich ein ganz besonderes Ereignis, sondern er ist etwas, an dem zum einen etwas herausgestellt wird, das für viele Menschen in unserem Land scheinbar zur Selbstverständlichkeit geworden ist – die Heimat. Was Heimat eigentlich für den Menschen bedeutet, begreift er oftmals erst, wenn sie droht verloren zu gehen oder wenn man sie verloren hat. Viele von Ihnen, die sich heute in so großer Zahl hier im Sudetendeutschen Haus eingefunden haben, Ihre Eltern, Ihre Großeltern, Ihre Onkel und Ihre Tanten sind aus der Heimat vertrieben worden oder haben sie nach Jahrzehnten der Diskriminierung und einer scheinbaren Perspektivlosigkeit verlassen – sie haben die Heimat verloren: Häuser, Dörfer, Städte, Landschaften, ja auch Kirchen – das Vertraute und das Bekannte.
Und ehe uns Bayern Heimat werden konnte, brauchte es Zeit. Es brauchte vor allen Dingen das Gefühl, willkommen zu sein. Viele unserer Landsleute erzählen, auch wenn sie neue Orte zum Leben gefunden, Häuser gebaut, den Akzent angenommen und die Kinder in die Schule geschickt hatten: dass dieses Gefühl nicht dazuzugehören lange blieb. Niemand hat auf uns gewartet. Oftmals geht dieses Gefühl ein Leben lang als stille Post weiter auf die nächste und die übernächste Generation.
Zum anderen erinnern wir alle Jahre an die Verabschiedung der „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ am 5. August 1950 in Stuttgart-Bad Cannstatt. Sie gilt als das Grundgesetz der deutschen Heimatvertriebenen. In ihrem Kern enthält sie einen Aufruf zum Verzicht auf Rache und Gewalt trotz des eigenen gerade erlittenen Unrechts und ein klares Bekenntnis zur Schaffung eines einigen Europas, zur Verständigung zwischen den Staaten, den Völkern und Volksgruppen. Sie war zum Zeitpunkt ihrer Verabschiedung ihrer Zeit weit voraus und eine große moralische Leistung der Vertriebenen, die damals noch nicht wussten, was überhaupt mit ihnen geschehen sollte und wie es weitergehen würde. Tausende befanden sich zudem noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Aber die Charta spricht auch vom Recht auf die Heimat, als einem von Gott geschenkten Grundrecht der Menschheit, das in Bezug auf die Heimatvertriebenen leider nicht verwirklicht wurde. Dort heißt es weiter: „Die Völker müssen erkennen, dass das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlinge, ein Weltproblem ist, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordert.“
Blickt man heute auf das Geschehen in der Welt – man könnte nahezu verzweifeln. Waren es nach dem unseligen, vom nationalsozialistischen Deutschland vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkrieg fast 15 Millionen Menschen, die zwangsweise ihre und die jahrhundertealten Wohngebiete ihrer Vorfahren verlassen mussten, so sind gegenwärtig rund 120 Millionen Menschen von Flucht und Vertreibung betroffen, eine Zahl, die alle Rekorde in der Menschheitsgeschichte gebrochen hat!
Und so müssen wir uns fragen: Reichten zwei Millionen Tote bei diesen menschenrechtswidrigen Ereignissen nicht, um ein „Nie wieder!“ weltweit anzustimmen? Sind die Vergewaltigungen unzähliger Frauen, die sadistischen Ausfälle, das Plündern und Hungern schon vergessen, hat man diese Exzesse verdrängt oder gar gerne aus dem Bewusstsein gestrichen? Und wieder bleibt uns nicht mehr, als auch heute die Forderung an die Europäische Gemeinschaft zu stellen, sich dafür stark zu machen, dass weltweit dem Recht auf Heimat durch strafbewehrte Vertreibungsverbote Geltung zu verschaffen. Europa muss hier die Initiative ergreifen und den Anfang machen, denn Europa ist ein privilegierter Ort zum Leben.
Bei allem, was unseren Kontinent erschüttert und wer immer ihn schlechtredet und den engen Blick nur auf die eigene Nation für eine Lösung hält, es bleibt doch wahr: Europa ist in weiten Teilen demokratisch, sozial, wirtschaftsstark, innovativ, menschlich – und fast überall friedlich. Deshalb ist es unsere gemeinsame Aufgabe diesen Frieden zu erhalten. Wir wollen dazu unseren Beitrag leisten, gemäß dem Motto unseres heutigen Tages „Gemeinsam für ein friedliches Europa“.
Bausteine hierfür können als Brücken zu unseren östlichen und südöstlichen Nachbarvölkern die dort verbliebenen deutschen Minderheiten sein. Deshalb wollen wir gemeinsam mit ihnen zur Verständigung, zur Freundschaft und zum Zusammenhalt unseren Beitrag in Europa leisten.
Auch wenn der Krieg und seine Folgen unsere Volksgruppen geographisch auseinandergerissen haben, gehören wir Heimatvertriebene und Heimatverbliebene doch selbstverständlich zusammen. Was für diejenigen, die Flucht und Vertreibung noch selbst erlebt haben, bis heute die Heimat im Herzen geblieben ist, ist für die anderen – die Heimatverbliebenen – deren täglicher Lebensraum.
Der ehemalige lettische Ministerpräsident Egils Levits hat den Vertriebenen vor wenigen Wochen in Berlin attestiert, dass sie eine besondere Beziehung zu den Nachbarländern in Mittel- und Osteuropa haben. Diese Beziehung sei in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einfach, sondern – subjektiv durchaus nachvollziehbar – durch beiderseitige Bitterkeit geprägt gewesen. Doch nach dem allmählichen Übergang von der Erlebnisgeneration zur Bekenntnisgeneration – also zu einer Generation der Vertriebenen, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts als tragische, aber gemeinsame Geschichte Europas, gemeinsame Geschichte Deutschlands und seiner Nachbarländer betrachtet – seien die Vertriebenen zu einer festen und sehr wichtigen Brücke zwischen diesen Nationen geworden.
In einer Zeit, in der wir wieder Krieg in Europa haben, sollten wir alle, Polen und Deutsche, Rumänen und Esten, Ungarn und Tschechen, Italiener und Portugiesen, Engländer und Franzosen um nur einige Beispiele zu nennen, zusammenstehen und Freiheit und Demokratie verteidigen. Wir sollten dies aus innerer Überzeugung tun. Dies aber kann nur überzeugend sein, wenn Nationalismus, Diskriminierung, Antisemitismus und Verfälschungen der Geschichte endgültig der Vergangenheit angehören.
Lassen Sie mich an dieser Stelle aber auch die positiven Signale der Länder Südosteuropas an die vertriebenen Deutschen herausheben. Ungarn hat als erstes Land einen Weg gefunden, um sich mit ihren vertriebenen Ungarndeutschen zu versöhnen. Serbien hat vor wenigen Jahren gleiches versucht und die vertriebenen Donauschwaben in die Restitution miteinbezogen. Rumänien zahlt den nach Russland verschleppten Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben monatliche beachtliche Renten auch nach Deutschland, in Polen und Tschechien interessiert man sich immer stärker für die Geschichte der Regionen, die über Jahrhunderte von der deutschen Bevölkerung besiedelt war. Deshalb stellt sich für uns schon auch die Frage, ob es nicht endlich an der Zeit ist, die vor fast 80 Jahren erlassenen Vertreibungsdekrete durch Rechtsakte endlich zu beseitigen.
Ich habe vorher betont, dass Europa ein privilegierter Ort zum Leben ist. In Bayern zu leben ist wohl mit am Schönsten. Die Verbände der Heimatvertriebenen und Aussiedler werden in vorbildlicher Weise unterstützt. Die Kulturstiftungen für die Deutschen aus Russland, die Sudetendeutschen, die Banater Schwaben, die Siebenbürger Sachsen und die Donauschwaben haben ein Alleinstellungsmerkmal in der Bundesrepublik.
Deshalb danke ich der Bayerischen Staatsregierung und den Abgeordneten des Bayerischen Landtags, dass sie dafür sorgen, dass unsere Volksgruppen mit ihrer Geschichte und Kultur nicht in Vergessenheit geraten. Wir fühlen uns in Bayern zuhause. Wir fühlen uns angenommen und wir wollen mitwirken, dass Bayern das bleibt, um das es von so vielen Menschen beneidet wird: lebens- und liebenswert!
