Flucht und Vertreibung vor und nach 1945


Flucht und Vertreibung der Deutschen im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der europäischen Zwangsmigrationen vor und nach 1945
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von Andreas Otto Weber
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Am 8. Mai 1945 endete mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs der Zweite Weltkrieg in Europa. Der von Hitler ausgelöste Krieg hat über 65 Millionen Menschen das Leben gekostet und das Antlitz Europas gravierend verändert. Außerdem hat der Völkermord an den Juden Europas der Deutschen Geschichte eine unfassbare Dimension der Unmenschlichkeit hinzugefügt. Auch wenn in Europa der Krieg, der systematisch betriebene Holocaust und das kriegsbedingte Sterben von zivilen Opfern zu Ende waren, so kann das Jahr 1945 aber heute nicht mehr  als
„Stunde Null“ betrachtet werden, vielmehr muss man die Jahre davor und danach mit in den Blick nehmen, wenn man die großen Umwälzungen, die in den Folgejahren noch stattfanden, beschreiben und verstehen will.¹ Dies betrifft vor allem die großen Bevölkerungsverschiebungen infolge des Krieges, die nicht ohne Berücksichtigung der bereits vor 1945 geschehenen Zwangsmigrationen² und der Verbrechen durch den Nationalsozialismus gesehen werden können.
Die moderne Geschichte Europas war „zu wesentlichen Teilen eine Geschichte ethnopolitisch motivierter und zumeist staatlich induzierter Zwangsmigration“,³ und das 20. Jahrhundert wird auch als Jahrhundert der Vertreibungen und Zwangsmigrationen bezeichnet.4 In Anlehnung an Karl Schlögel hat Mathias Beer für die Bevölkerungsbewegungen nach dem Krieg folgendes sehr treffendes Bild gezeichnet:
„Aus einem Verschiebebahnhof unter Kriegsbedingungen wurde Europa 1945 zu einem               Verschiebebahnhof   in    Abwesenheit    des    Krieges,    aber     unter    den Voraussetzungen seiner Hinterlassenschaften – neue Grenzziehungen, Zerstörung, Entwurzelung, Tod“.5  In den Regionen Europas, die vom Zweiten Weltkrieg und  den
Verbrechen des NS-Staates unmittelbar betroffen waren, brachte das Kriegsende 1945 keine Beruhigung. Im Gegenteil: Racheaktionen und Gewalt wandten sich nun gegen die Deutschen und gegen die, die mit ihnen kollaboriert hatten. Auch die Spannungen zwischen den Volksgruppen verschärften sich, Minderheiten kamen weiterhin in Bedrängnis. Der englische Historiker Keith Lowe hat die Situation im Titel seines jüngst in deutscher Sprache erschienenen Buches ausgedrückt: „Der wilde Kontinent“.6 Das von Krieg und Gewalt gezeichnete Europa blieb auch nach 1945 vielerorts   von   Anarchie   und   gewaltsamen   Bevölkerungsverschiebungen   nicht verschont. Dies betraf als größte Gruppe die Deutschen aus dem östlichen Europa, welche die „größte Zwangsumsiedlung in der Menschheitsgeschichte“ erleben mussten.7 Die Flucht der deutschen Bevölkerung vor der Roten Armee aus den seit 1939 von der deutschen Wehrmacht eroberten Gebieten Ostmitteleuropas sowie aus den östlichsten Provinzen des Deutschen Reichs (z. B. Ostpreußen, Schlesien) in den Jahren von 1943 bis 1945 und die darauf folgende Vertreibung des größten Teils der dort verbliebenen Deutschen waren der traurige Höhepunkt des im Grunde bis heute anhaltenden Exodus von Menschen deutscher Sprache aus dem östlichen Europa.
Dieser Exodus der Deutschen aus dem Osten ist eine Folge des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Methode der Zwangsmigration in den Jahren von 1945 bis 1950 hat jedoch auch längerfristige Vorbilder und die Ursachen liegen auch in älteren Problemen des multiethnischen Zusammenlebens.

Vom multiethnischen zum homogenen Staat: die Folgen des Ersten Weltkriegs

Der östliche Teil Europas war vor den zwei Weltkriegen in zahlreichen Regionen vom Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Sprache und Konfession geprägt. Die Klammer der Vielvölkerstaaten und der Nationalstaaten mit ethnischen Minderheiten bildete die monarchische Herrschaft, die Dynastie und die mit ihr verknüpfte Reichsidee. Der Erste Weltkrieg und die Revolutionen gegen die Dynastien Russlands, des Deutschen Reichs und der Österreichisch-Ungarischen Monarchie beendeten diesen Zustand. Die schon im Lauf des 19. Jahrhunderts entstandenen Nationalbewegungen konnten gerade im östlichen Europa die Neugründung von Nationalstaaten erreichen: Die baltischen Staaten, die Zweite Polnische Republik, die Tschechoslowakische Republik, die Demokratische Republik Ungarn, das Königreich Jugoslawien und die Sowjetunion entstanden. Nationale Minderheiten existierten in all diesen Staaten in unterschiedlichen Anteilen und Ethnien.
Die Grenzen der bestehenden Staaten wurden stark verändert: Besonders Ungarn, bis dahin Teil der habsburgischen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, verlor im Norden Gebiete an die Tschechoslowakei, im Osten an Rumänien, im Süden an Jugoslawien und im Westen an Österreich. Das Deutsche Reich verlor vor allem Gebiete an Polen (Memelland, Danzig, große Teile Westpreußens, Provinz Posen).
In der Zeit der staatlichen Ausgestaltung dieser veränderten Landkarte spielten zunehmend nationale Homogenisierungsversuche eine zentrale Rolle. Die Nation wurde dabei als eine Sozialformation betrachtet, die gemeinsame objektive Kriterien erfüllt, wie zum Beispiel Sprache, Religion, Geschichte, Territorium.8 Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Sprache und Konfession war mit diesem  Konzept,  das  im  19.  Jahrhundert  bereits  die  Leitschnur  der   deutschen
„Kulturnation“ (Johann Gottlieb Fichte, Gerhard Ritter) gewesen war, nur schwer vereinbar, da sich multiethnische Staaten nun selbst als Nationalstaaten ansahen. In dieser Hinsicht sind Zwangsmigration und Vertreibungen eine Folge des Unvermögens oder des Unwillens, multiethnisches Zusammenleben zu organisieren.9

Der Vertrag von Lausanne als Vorbild

In der historischen Forschung wird immer wieder der „Bevölkerungsaustausch“ zwischen der Türkei und Griechenland infolge des griechisch-türkischen Friedensvertrages von Lausanne im Jahr 1923 als Vorbild für die Zwangsmigrationen nach dem Zweiten Weltkrieg genannt.10 Der Vertrag hatte zur Folge, dass etwa 1,25 Millionen Griechen aus der Türkei nach Griechenland und etwa 500.000 Türken aus Griechenland in die Türkei zwangsweise umgesiedelt wurden.11 Als Unterscheidungsmerkmal, wer Grieche und wer Türke sei, wurde die religiöse Zugehörigkeit zum griechisch-orthodoxen Christentum oder zum Islam herangezogen.12 Später wurde dieser „Bevölkerungsaustausch“ von den Westalliierten und von tschechischer Seite immer wieder als positives Beispiel für eine gelungene Zwangsumsiedlung angeführt, wobei außer Acht gelassen wurde, dass der Vertrag auch die Bevölkerungsverschiebungen nachträglich ratifizierte, die schon   vor  1923   in  den   Balkankriegen   aufgrund   von   Flucht  und gewaltsamer Deportation stattgefunden hatten. Auch die negativen Folgen der Zwangsmigration wurden nicht gesehen: Es kam zur Radikalisierung der Politik, zum Verlust der Heimat und des nicht beweglichen Eigentums von Millionen von Menschen. Auch die schlechten Bedingungen beim Transport und daraus resultierende Todesfälle fanden keine Berücksichtigungin der späteren Bewertung.13

Zwangsmigration    im    Rahmen    der    nationalsozialistischen     Eroberungs-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik im Osten Europas

Die nationalsozialistische Rassenideologie und Hitlers Idee vom „Lebensraum im Osten“ zielten darauf ab, Osteuropa durch eine Germanisierung und eine Verdrängung des Slawentums umzugestalten. Den Beginn der dafür erforderlichen Bevölkerungsverschiebungen kann man im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 sehen. Darin gaben der britische Premierminister Neville Chamberlain und der französische Ministerpräsident Édouard Daladier Adolf Hitler ihre Zustimmung zur Eingliederung des Sudetenlandes. Chamberlain hatte mit Blick auf   den   Vertrag   von   Lausanne   das   „Prinzip   des     Bevölkerungsaustauschs“ vorgeschlagen.14
In der Folge hatten tschechische und slowakische Bewohner der Sudetengebiete sechs Monate Zeit, ihre Heimat zu verlassen und in die verbliebenen Gebiete der Tschechoslowakei umzusiedeln.15 Etwa 200.000 Tschechen flohen aus den Sudetengebieten, aber auch deutsche Sozialdemokraten und andere Gegner des NS-Regimes verließen ihre Heimat und gingen in die Emigration. Der im Münchner Abkommen eigentlich vorgesehene „Bevölkerungsaustausch“ wurde aber wegen der Errichtung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren im März 1939 nie umgesetzt.
„München“ wurde zu einem tschechischen Trauma.
Nach dem Angriff auf Polen 1939 und der Errichtung des „Generalgouvernements Polen“   kam   es  hier   zu   Massenvertreibungen   von   Polen  und  Juden,  die den „Volksdeutschen“ weichen mussten: „Polen wurde zum Laboratorium der nationalsozialistischen Rassenpolitik“.16
Blickt man auf eine Karte der Bevölkerungsbewegungen Europas in der Zeit von 1939 bis 1945, so werden die über den polnischen Raum weit hinausgehenden europäischen Dimensionen dieser Entwicklung deutlich, die durch den von Deutschland verursachten Zweiten Weltkrieg ausgelöst wurde.
Besonders die Juden Europas waren davon betroffen. Sie mussten nicht nur ihre Heimat verlassen und die Deportationen in Konzentrationslager und Ghettos erdulden. In den Konzentrationslagern, die sich hauptsächlich in Osteuropa befanden, wurden sie vorsätzlich und planmäßig ermordet. Ihre Arbeitskraft wurde für unmenschliche Arbeit ausgebeutet. Sie wurden für medizinische Versuche missbraucht, bei denen ihr Tod in Kauf genommen wurde. Der Völkermord an den europäischen Juden mit etwa sechs Millionen Opfern war eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.
Der Vernichtungskrieg des „Dritten Reiches“ im Osten forderte Millionen Todesopfer vor allem bei der Roten Armee. Zusätzlich verloren Millionen Menschen bereits vor 1945 ihr Leben oder ihre Heimat durch Zwangsmigration und Flucht.
Als Folge des Hitler-Stalin-Paktes wurden von 1939 bis 1940 zwischen 900.000 und 1,3 Millionen Polen aus Ostpolen in die Sowjetunion deportiert. Innerhalb der Sowjetunion kam es vermehrt zur Deportation ganzer Volksgruppen: So wurden 1940/41 etwa 500.000 Wolgadeutsche und Schwarzmeerdeutsche in sowjetische Arbeitslager und in verschiedene Gebiete in Kasachstan und Sibirien deportiert.
Ebenfalls vor dem Hintergrund des Hitler-Stalin-Pakts verlor Rumänien 1940 Bessarabien und die Nord-Bukowina an die Sowjetunion und die Süd-Dobrudscha an Bulgarien. Etwa 180.000 deutschsprachige Bewohner dieser Gebiete wurden nach zum Teil längerem Aufenthalt in eigens eingerichteten Lagern ins Deutsche Reich und in bereits von der Wehrmacht eroberte Gebiete, vor allem in den nordöstlich an Schlesien angrenzenden „Reichsgau Wartheland“ umgesiedelt. Auch die Deutschbalten wurden aus dem Machtbereich der Sowjetunion dorthin und nach Westpreußen umgesiedelt. Diese Aktionen waren die verwirklichten Teile des nationalsozialistischen „Generalplans Ost“, der darauf abzielte, Teile Ostmittel- und Osteuropas  zu  germanisieren.  Die  Deutschen  im  Osten  Europas  wurden   dabei „deutsch-nationalisiert“ und aus dem Zusammenhang ihrer bisherigen Identität als deutschsprachige Minderheit in multiethnischen Staaten gelöst.

Die Zwangsmigrationen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Der „Verschiebebahnhof Europa“ war auch nach dem Ende der Kriegshandlungen in Europa noch aktiv. Verbunden mit den neuen Grenzziehungen, die vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 auf der Potsdamer Konferenz beschlossen wurden, waren auch Planungen für großräumige Bevölkerungsverschiebungen. Als größte Gruppe waren von den folgenden Zwangsmigrationen etwa zwölf Millionen Deutsche betroffen. Aber auch etwa fünf Millionen Polen, 2,5 Millionen Bürger der Sowjetunion, Ungarn aus der Tschechoslowakei, Slowaken und Tschechen aus Ungarn, Esten, Letten und Litauer  und  andere  Volksgruppen  mussten  ihre  jeweilige  Heimat  verlassen.  Der Gedanke vom großen „Aufräumen“ und des „ethnisch entmischten, von Minderheiten befreiten Nationalstaates“ bestimmte die Politik der folgenden Jahre.17 Einer durch Flucht vor dem unmittelbaren Kriegsgeschehen bestimmten Situation folgte eine massenhafte Zwangsmigration von bisher nicht gekannten Dimensionen.

Die Flucht vor der Roten Armee

Die Flucht der Deutschen aus den östlichen Regionen des Deutschen Reichs und aus den im Zweiten Weltkrieg eroberten Gebieten setzte 1943 mit dem Rückzug der Wehrmacht von der Ostfront und dem Vorrücken der Roten Armee ein. Sie unterscheidet sich von anderen Fluchtbewegungen durch ihre Endgültigkeit. Es gab für die Flüchtenden keine Möglichkeit der Rückkehr, auch wenn dies von vielen immer wieder versucht wurde.18 Betroffen waren zunächst Russlanddeutsche,   dann „Volksdeutsche“ aus Polen und die dort angesiedelten deutschen Umsiedler aus Südosteuropa sowie die autochthonen deutschen Bewohner Westpreußens und des Warthegaus; auch viele Rumäniendeutsche flohen mit der zurückweichenden Wehrmacht.
Die Behörden des NS-Staates versagten und verhinderten zum Teil rechtzeitige Evakuierungen, was besonders an der Weigerung des NS-Gauleiters von Ostpreußen, Erich Koch, ersichtlich wird, solche Maßnahmen anzuordnen. Angesichts des großen Leids, welches insbesondere die Übergriffe von Soldaten der Roten Armee auf Zivilisten hervorriefen, kam es dann zwischen Januar und Mai 1945 zu einer Massenflucht.
Alleine am 31. Januar 1945 befanden sich über drei Millionen Menschen auf der Flucht von Ost nach West. Man versuchte dazu alle Möglichkeiten zu nutzen, man flüchtete zu Fuß, zu Pferd und im Fuhrwerk, lange Flüchtlingstrecks bildeten sich, die oft auch Ziel von gezielten Fliegerangriffen waren. Man flüchtete mit den letzten fahrenden  Zügen oder mit  dem Schiff.  Die deutsche Kriegsmarine  transportierte  in diesen Monaten etwa 1,2 Millionen Menschen aus den ostpreußischen Häfen ins besetzte Dänemark und nach Norddeutschland.19 Der Krieg zur See machte auch vor den Flüchtlingsschiffen nicht halt, wie etwa der Untergang des ehemaligen Kraft- durch- Freude-Schiffes Wilhelm Gustloff zeigt, die am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot torpediert wurde und etwa 9.000 Menschen in den Tod riss.
Mitte März 1945 rollte dann die zweite große Flüchtlingswelle aus Schlesien in Richtung Sudetenland. Trotzdem blieben noch mehrere Millionen Deutsche in Polen und in den deutschen Ostgebieten zurück, auch wenn diese größtenteils bereits von der Roten Armee kontrolliert wurden.

Die sogenannten „wilden Vertreibungen“

Mit dem Kriegsende im Mai 1945 ereigneten sich in Polen und in der Tschechoslowakei die ersten konkreten zwangsweisen Vertreibungen von Angehörigen der deutschen Volksgruppe, die sogenannten „wilden Vertreibungen“. Diese wurden oft als spontane Volksaufstände dargestellt, neueste Forschungen besonders von Ray M. Douglas zeigen aber, dass dies größtenteils weder spontan noch zufällig geschah, sondern in den meisten Fällen von Soldaten, Polizei und lokalen  Milizen  durchgeführt  wurde.  Diese  führten  dabei  Befehle  aus,  die     auf Beschlüsse    der    höchsten    politischen    Ebene    zurückgingen.20      Die   Akteure beschwerten sich zum Teil darüber, dass die lokale Bevölkerung sich gegenüber den Deutschen passiv verhielt.
Die faktische Westverschiebung Polens noch vor dem Beschluss der Potsdamer Konferenz hatte als wichtigste Folge die Zwangsmigration der im Raum östlich von Oder und Lausitzer Neiße ansässigen deutschen Bevölkerung und der östlich der neuen polnischen Ostgrenze wohnenden Polen. Der Raum östlich der Oder-Neiße- Linie  wurde  in  Potsdam  vom  polnischen Außenminister Wincenty Rzymowski   als „Wiege Polens“ bezeichnet,21  womit an die Entstehung der slawischen  Herzogtümer der Piasten im hohen Mittelalter angeknüpft wurde. Schon im Juli 1944 hatte das „Polnische Komitee der Nationalen Befreiung“ in einem Geheimvertrag mit Stalin diese Ausdehnung Polens nach Westen und die Überlassung des nördlichen Teils Ostpreußens einschließlich Königsbergs an die UdSSR vereinbart.22
Hauptmotive für die Vertreibung der Deutschen aus dem Raum östlich von Oder und Neiße waren der Wunsch nach Vergeltung für die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Idee der Schaffung eines ethnisch homogenen Staates. Als Rechtfertigung wurden auch die von Deutschen durchgeführten Zwangsaussiedlungen angeführt.
Die von der UdSSR gestützte neue polnische Staatsmacht etablierte sich seit dem Februar 1945 in den von der Roten Armee eroberten Bereichen  und übernahm Schritt für Schritt von den sowjetischen Militärbehörden die  Verwaltung der deutschen Ostgebiete. Am 24. Mai 1945 wurde das Dekret über die Verwaltung der „wiedergewonnenen Gebiete“ erlassen und damit begonnen, die deutsche Bevölkerung auszuweisen.23 Viele Deutsche wurden zu Arbeitsdiensten in Internierungslager, wie dem Lager Lamsdorf in Schlesien, eingewiesen, die zum Teil in den befreiten Konzentrationslagern eingerichtet wurden. Teilweise gab es  in diesen Lagern hohe Todesraten, die jedoch bei Weitem nicht mit jenen in den deutschen Konzentrationslagern zu vergleichen sind.24 Manche Inhaftierte blieben jahrelang interniert, auch ehemalige Häftlinge der deutschen Konzentrationslager, wenn man sie als Feinde des sich etablierenden kommunistischen Systems ansah.
Bei der Identifizierung der Deutschen kam es zu einer Umkehrung der von den Nationalsozialisten 1939 aufgestellten „Deutschen Volksliste“, die dazu gedient hatte im annektierten Polen die ansässige deutsche Bevölkerung zu ermitteln und ihr Vorrechte einzuräumen. Die darin genannten Volksdeutschen der Gruppen III und IV konnten in der Region bleiben, mit dem Ziel sie zu assimilieren.
Vor allem im Juni und Juli 1945 kam es zu „wilden Vertreibungen“ von etwa einer halben Million Deutscher mit vielen Todesopfern durch polnische Truppen und Milizen.25 Sie dienten dem Zweck, vor der Konferenz von Potsdam möglichst vollendete Tatsachen zu schaffen, parallel wurden Polen angesiedelt, um die Notwendigkeit einer neuen westwärts verschobenen Grenzziehung Polens zu rechtfertigen.26
Auch nach dem Potsdamer Abkommen kam es entgegen den Beschlüssen zu weiteren „wilden Vertreibungen“.
In der Tschechoslowakei begannen die „wilden Vertreibungen“ mit den heftigen Racheaktionen im Mai 1945 im Rahmen des „Prager Aufstandes“ des tschechischen Widerstands gegen die deutschen Besatzungstruppen vom 5. bis zum 8. Mai 1945. Der Aufstand, der am 8. Mai mit einem Waffenstillstand und dem Abzug der deutschen Truppen aus Prag endete, mündete in gezielten und  äußerst gewaltsamen  Racheaktionen an Prager Deutschen. Die tschechische Bevölkerung rächte sich nun für das Münchner Abkommen und für das Besatzungsregime. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in Prag am 9. Mai 1945 kehrte Präsident Edvard Beneš aus dem Exil zurück und verkündete: „Das deutsche Volk hat in diesem Krieg aufgehört, menschlich zu sein, menschlich erträglich zu sein, und erscheint uns nur noch als einziges großes menschliches Ungeheuer […]. Wir haben uns gesagt, dass wir das deutsche  Problem in  der Republik liquidieren  müssen“.27  Diese  Sichtweise blendete den Widerstand von Sudetendeutschen gegen den Nationalsozialismus, insbesondere der sudetendeutschen Sozialdemokraten unter Wenzel Jaksch im Londoner Exil, vollständig aus, um die Vertreibung aller Sudetendeutschen rechtfertigen zu können.
In den Sudetengebieten wollte die sich neu formierende tschechische Staatsmacht bei Kriegsende schnell Fakten schaffen und die deutsche Bevölkerung möglichst rasch aus dem Land schaffen. Dies begann mit einer großangelegten Internierungswelle in Lagern, wobei man auch hier auf befreite Konzentrationslager wie   Theresienstadt   zurückgriff.28     Kennzeichnung   der   Deutschen   mit    weißen Armbinden mit einem „N“ (Němci = Deutsche), Zwangsarbeit, Enteignung, Plünderung und Gewaltverbrechen der Milizen folgten.29 Die anschließend begonnenen „wilden Vertreibungen“ waren nicht spontan und ungeplant, sondern folgten dem Willen der Zentralregierung und waren von massiven Gewaltübergriffen begleitet, wie dem „Brünner Todesmarsch“ oder dem Pogrom an den Deutschen in Aussig.30
Bis zur Potsdamer Konferenz waren von den Vertreibungen etwa 600.000 Deutsche betroffen, von denen 50 Prozent in die sowjetische Besatzungszone kamen.31

Organisierte Vertreibungen nach dem Potsdamer Abkommen

Die Konferenz von Potsdam beschloss am 2. August 1945 neue, zunächst als vorläufig bezeichnete Grenzen im östlichen Europa. Die britische und die amerikanische Regierung stimmten der von Stalin geforderten Westverschiebung Polens an die Oder-Neiße-Linie im Prinzip zu.32 Für die noch dort lebende deutsche Bevölkerung in den bisherigen deutschen Ostprovinzen östlich dieser Linie und in anderen Siedlungsgebieten, wie dem Sudetenland und Ungarn, wurde eine kollektive Umsiedlung in den Westen beschlossen: „Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise  erfolgen soll“.33 Der Bevölkerungstransfer war zwar auch unter den Alliierten umstritten,    galt aber dennoch als durchaus legitimes Mittel, als „kleineres Übel“, mit dem Ziel, Europa „ein für allemal von den durch ethnische Minderheiten erzeugten Konflikten und Krisen zu befreien“.34 Winston Churchill sah darin nicht nur eine Vergeltung gegen die Deutschen, sondern auch die Chance für eine Friedenslösung im Osten Europas, wobei der Vertrag von Lausanne ihm als Vorbild galt. Diese Position war unter den Siegermächten angesichts der Millionen von Weltkriegsopfern dominant.35

Der amerikanische Historiker Norman Naimark analysierte die Situation in den Ländern Ostmitteleuropas wie folgt: „Tschechen und Polen benutzen  den Deckmantel des Krieges und den Übergang vom Krieg zum Frieden, um die Deutschen aus ihren Ländern zu vertreiben und alte Rechnungen zu begleichen. Das Verhältnis zur deutschen Minderheit war in beiden Ländern zwischen den Kriegen problematisch gewesen. Nationalistische Gefühle und der verständliche Wunsch nach Rache durchdrangen die polnische und tschechische Bevölkerung, als sie es ihren deutschen Unterdrückern gewaltsam heimzahlen konnten. Nationalistische Gefühle waren durch Krieg und Besatzung verstärkt worden. Den Anstoß zur Eskalation des Nationalismus hatten die Nationalsozialisten gegeben, daher   könnte man in gewisser Hinsicht sagen, die Deutschen hätten geerntet, was sie gesät hatten“.36
Pläne für die Vertreibung existierten 1945 bereits. Die tschechoslowakische Exilregierung unter Edvard Beneš, die sich nach der Besetzung des Landes 1939 gebildet hatte, hatte unter den Alliierten schon lange für ihre Pläne zur Vertreibung der Deutschen geworben und erhielt dafür bereits 1943 die Zustimmung von Roosevelt und Churchill und auch Molotov und Stalin standen hinter den Plänen.37
Die Forderung des Abkommens, dass der Transfer in „ordnungsgemäßer und humaner Weise“ durchgeführt werden soll, stieß aber auf ein Problem, das Ray M. Douglas treffend beschrieben hat: Wenn Vertreibungen „nicht schnell durchgeführt werden, sind sie nicht praktikabel, und wenn sie schnell durchgeführt werden, sind sie nicht human“.38
Außerdem enthält das Potsdamer Abkommen eine Aufforderung an die Tschechoslowakei, an Polen und Ungarn, „weitere Ausweisungen der deutschen Bevölkerung einzustellen“.39 Dies verschlimmerte die Situation der Betroffenen aber teilweise noch. Bereits in Gang befindliche Transporte wurden zum Beispiel einfach an    Grenzen    stehen    gelassen.    Es    entstanden    zahlreiche  improvisierte Internierungslager für Deutsche, zum Teil wurden dafür auch die ehemaligen Konzentrationslager genutzt, so zum Beispiel Auschwitz und das bereits erwähnte Theresienstadt. Um den Vertreibungsbeschluss des Alliierten Kontrollrats vom 20. November 1945 umzusetzen, wurde als Behörde das Combined Repatriation Executive (CRX) gegründet.40
Dieses war zuständig für die Organisation der Transporte und bestand aus einem kleinen Stab, zu dem Vertreter der Vertreibungsländer kamen. Eine große Schwierigkeit stellte in Teilen der Vertreibungsgebiete die Identifikation der Deutschen dar, da in multiethnischen Regionen wie Oberschlesien und dem südlichen Ostpreußen die Zuordnung bei verschiedensprachigen Eltern nicht klar war. So wurden oft auch Juden, Gegner des NS-Regimes und deutschsprachige Menschen, die aber keine deutschen Staatsangehörigen waren (z. B. Schweizer) interniert und vertrieben.
Die Transporte betrafen alle Generationen und Geschlechter, auch alte und kranke Menschen, Frauen und Kinder. Da viele jüngere Männer noch in Kriegsgefangenschaft waren oder im Krieg gefallen waren und arbeitsfähige Männer oft von ihren Betrieben zurückgehalten wurden, betrafen die  Abtransporte im Rahmen  der  Vertreibung  in  erster  Linie  die  Familienmütter.41   Christian  Graf von
Krockow hat dies im Titel seines Buches „Die Stunde  der  Frauen“ deutlich gemacht.42
Die von der Vertreibung betroffenen Deutschen leisteten dagegen insgesamt kaum Widerstand, sie nahmen diese im Gegenteil mit „völliger Passivität“ hin und fügten sich in ihr Schicksal.43 Parallel zu den organisierten Vertreibungen gab es zusätzlich auch eine mehr oder weniger „freiwillige“ Abwanderung mit dem Ziel,  den veränderten Lebensumständen zu entfliehen.
In Polen begann die systematische Vertreibung, nachdem der Alliierte Kontrollrat  am 20. November 1945 Zahlen und Zielgebiete der planmäßigen Umsiedlung der Deutschen aus dem Osten bestimmt hatte. Sie fand für die Betroffenen unter großem Zeitdruck statt. In Güterzügen und zum kleineren Teil auf dem Seeweg wurden die vorher in Internierungslagern gesammelten Deutschen in die britische und sowjetische  Besatzungszone  gebracht.44  Insgesamt  waren  aus  dem  Raum    des heutigen Polen etwa 3,5 Millionen Deutsche geflohen oder vertrieben worden. Die Zahl der in Polen verbliebenen Deutschen lag zwischen 400.000 und einer Million Menschen.45 Unter ihnen waren viele als „Autochthone“ geltende, die zum Beispiel einen polnisch klingenden Namen trugen.
In die von den Deutschen nun zum großen Teil verlassenen Gebiete wurden bereits während des Vertreibungsgeschehens Polen durch Anwerbung angesiedelt.  Die neue Besiedlung und Aneignung der „wiedergewonnenen Gebiete“ gestaltete sich aber sehr schwierig, sodass im November 1945 ein „Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete“ gegründet wurde. Vor allem etwa 1,4 Millionen Polen aus  den  an  die  Sowjetunion  gefallenen  Regionen  zwischen  dem  Baltikum   und Galizien wurden in den Oderraum umgesiedelt, der als „Polens  Wilder Westen“ galt.46 Die Identifikation mit dem neuen Lebensraum war für viele Neusiedler schwierig. Aus Angst vor Rückforderungen der deutschen Vorbesitzer hielten viele die neuen Gebiete für unsicher. In der Folge kam es zu einer forcierten Polonisierung der  Region,  sichtbare  Zeugnisse  der  deutschen  Vergangenheit  wurden     getilgt, Ortsnamen verändert, Ladenschilder, Aufschriften, Statuen, Denkmäler und anderes vielfach entfernt. Bis Ende 1948 konnten nur wenig mehr als 62 Prozent des Bevölkerungsstandes von 1939 erreicht werden.47
In der Tschechoslowakei ist die Vertreibung mit acht Dekreten der tschechoslowakischen Exilregierung unter Edvard Beneš verbunden, die sich auf die deutsche und ungarische Bevölkerung des Landes beziehen. Diese als Beneš- Dekrete bekannten und am Tag nach dem Ende der Potsdamer Konferenz erlassenen Verfassungsdekrete entzogen den Deutschen, darunter auch den Juden, die sich als Deutsche deklariert hatten, und den Ungarn die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft.
Dies war die rechtliche Grundlage für den organisierten Transport dieser Gruppen außer Landes.48 Ausgenommen davon waren nur anerkannte „Antifaschisten“ wie Kommunisten, die jedoch zumeist bald in die sowjetische Besatzungszone gingen. Die zwangsweise Umsiedlung erfolgte in den Jahren 1946 und 1947 in Eisenbahntransporten, die unter Aufsicht der Besatzungsmächte standen. Dabei wurden ca. 2,2 Millionen Menschen außer Landes gebracht. Das Gepäck wurde auf meist 50 Kilogramm pro Person beschränkt. Ende 1946 wurden anlässlich der letzten Vertreibungen Feierlichkeiten organisiert, bei denen Personen ausgezeichnet wurden, die sich um die „ethnische Säuberung“ besonders verdient gemacht hatten.49 Für die Sudetengebiete hatte die Vertreibung der Deutschen langfristig ähnliche Auswirkungen wie in Polen. Die demografische und wirtschaftliche  Struktur wurde radikal verändert, die erneute Besiedlung der Gebiete mit tschechischen Kolonisten erwies sich als schwierig. Besonders im ländlichen Raum kam es zu Verödungen und zur Aufgabe von Siedlungen.
In Ungarn brach mit der am 4. April 1945 abgeschlossenen Besetzung des Landes durch sowjetische Truppen das faschistische Pfeilkreuzlerregime zusammen. 1945/46 wurde eine radikale Landreform durchgeführt, in deren Verlauf die deutschsprachigen Donauschwaben enteignet wurden. Schon im Juli 1945 war die nationalsozialistische Belastung vor allem der deutschen  Minderheit überprüft worden, wobei ein vierstufiges Kategorienschema angewandt wurde. Zunächst wurden die Ungarndeutschen zwangsinterniert, nach der Einwilligung der Alliierten erfolgte  dann  die  Zwangsaussiedlung.  „Eine  am  21.  Dezember  1945   erlassene „Aussiedlungsverordnung“ bestimmte, dass alle Deutschen, die bei der Volkszählung von 1941 Deutsch sowohl als Muttersprache als auch als Nationalität angegeben hatten, unter Verlust ihres Vermögens wie ihrer  Staatsbürgerschaft nach Deutschland zu vertreiben seien“.50 Kollektiv sollten die Ungarndeutschen für Kriegsverbrechen und „den Faschismus“ bestraft werden. Besonders betroffen von den konkreten Vertreibungen waren die Deutschen, „die einen verteilenswerten Besitz an Haus und Hof besaßen“.51 Bis 1948 wurden ca. 200.000 Deutsche aus Ungarn vertrieben, der größte Teil kam in den Raum Badens und Württembergs in der amerikanischen Besatzungszone. Rund 200.000 Deutsche blieben in Ungarn.52
Deportationen

Pavel Poljan definiert Deportation als „eine erzwungene Migration innerhalb der Grenzen eines Staates oder Machtbereiches einschließlich eroberter und besetzter Gebiete“.53 Nach dem Zweiten Weltkrieg benutzte vor allem die Sowjetunion dieses Mittel innerhalb ihres Machtbereichs.
In der Sowjetunion wurden die Angehörigen der deutschen Minderheit innerhalb des Landes zwangsumgesiedelt. Davon waren zwischen 1939 und 1941 mehr als eine Million Menschen betroffen. Klassenkämpferische und ethnische Kategorien vermischten sich dabei, die Russlanddeutschen wurden nach Sibirien und Kasachstan umgesiedelt. Es ging dabei nicht – wie in Polen und der Tschechoslowakei – um eine ethnische Homogenisierung, da die UdSSR auch weiterhin ein multiethnischer Staat blieb. Zudem wurde die  Arbeitskraft der Menschen weiter gebraucht.
Im Vordergrund standen vielmehr die soziale Revolution und die  Bestrafung einzelner Ethnien, nicht nur der Deutschen. Die Pläne für die Umsiedlung bestanden bereits, als mit dem Angriff der Deutschen auf die Sowjetunion der konkrete Anlass gegeben wurde.54
Zu einer zweiten Deportationswelle, in der mindestens weitere zwei Millionen Menschen deportiert wurden, kam es infolge des Vorrückens der Roten Armee  nach Westen und der Zurückeroberung von zeitweise von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten. Die Deportationen betrafen nicht nur Deutsche, sondern u.a. auch Tschetschenen und Krimtataren. Sie wurden 1948 für dauerhaft erklärt und erst viel später aufgehoben.55
Stalin  ließ  aber  nicht  nur  seine  eigenen  Bürger  deportieren,  sondern  auch etwa
350.000 Deutsche aus Polen, Rumänien, Jugoslawien, Ungarn und der Tschechoslowakei. Von diesen Menschen kehrten nur etwa 100.000 zurück, wobei es sich bei den Zahlen um Schätzungen handelt.56
Aus Rumänien wurden etwa 70.000 Personen, etwa ein Sechstel  der dort ansässigen deutschen Minderheit, zur Zwangsarbeit in das ostukrainische Industrierevier im Donbass deportiert. Sehr viele überlebten diese  Zwangsarbeit nicht. Auch hier war das Ziel nicht eine ethnische Homogenisierung, sondern Vergeltung und Reparationen für den Zweiten Weltkrieg. Laut Philipp Ther lagen  die Todesraten in den Zwangsarbeiterlagern deutlich höher als bei den Vertreibungen aus Polen und der Tschechoslowakei.57
Auch aus Jugoslawien wurde bereits im Dezember 1944 eine große Zahl von Donauschwaben in die Sowjetunion deportiert. Anders als die Rumäniendeutschen wurden die Jugoslawiendeutschen allerdings nach der Entlassung aus der Haft, sofern sie diese überlebt hatten, nicht nach Jugoslawien, sondern in die  Sowjetische Besatzungszone zurückgebracht und von dort flohen sie oft weiter Richtung Westen.58
Im Land selbst wurden die Deutschen im November 1944 von der neuen kommunistischen Regierung unter Tito enteignet und ihnen wurden die Bürgerrechte aberkannt. Michael Schwartz gibt an, dass die Mehrzahl der Donauschwaben in jugoslawische Arbeitslager mit hohen Todesraten verschleppt wurde. 60.000 wurden schon   vorher   von   den   neuen   Machthabern   getötet.   Die   Überlebenden   der Arbeitslager wurden oft erst nach 1950 in den Westen entlassen, nur eine sehr kleine Minderheit verblieb in Jugoslawien.59

Die Ankunft im Westen

Insgesamt geht man von etwa zwölf Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen aus, die bis etwa 1950 in die vier Besatzungszonen Deutschlands kamen.60 Etwa eine halbe Million Vertriebener kam nach Österreich, von denen etwa 300.000 dauerhaft blieben.61 Das vom Krieg gezeichnete Land war auf einen solchen Bevölkerungszuwachs nicht vorbereitet. Den Ankommenden fehlte es an allem – sie brauchten aber zunächst vor allem Unterkunft und Verpflegung. Erneut wurden die Menschen vor allem in Lagern und lagerähnlich gruppierten  Notbauten untergebracht, die Lageraufenthalte zogen sich zum Teil bis in die 50er Jahre hin. Dabei waren die Vertriebenen und Flüchtlinge von den Einheimischen getrennt, was eine schnelle Integration erschwerte. Zudem hofften viele immer noch auf eine baldige Rückkehr in die Heimat.
Bayern nahm rund zwei Millionen „Neubürger“, wie man die Vertriebenen anfangs euphemistisch bezeichnete, auf. Aufgrund der geografischen Nähe und des Ausweisungsplans der Alliierten bildeten die Sudetendeutschen mit rund 55  Prozentdie größte Gruppe. Die nächstgrößere Gruppe waren die Schlesier mit rund 25 Prozent, dann die Ostpreußen mit ca. fünf Prozent. Die neuen Bewohner konnten nicht  viele  materielle  Dinge  mitnehmen,  sie  brachten  aber  ein        immaterielles

„Fluchtgepäck“ mit: Brauchtum und Traditionen, Dialekte, zum Teil eine andere Konfession als die Einheimischen, eine andere Berufsstruktur und politische Bildung.62 Das konnte auch zu Konflikten mit der einheimischen Bevölkerung führen.
Zudem veränderten die Flüchtlinge und Vertriebenen damit ihre neue Heimat nachhaltig – Veränderungen, die bis heute in der Gesellschaft und in der Siedlungsstruktur zu sehen sind.

Aussiedler

Der Exodus der Deutschen aus dem östlichen Europa war mit dem Ende von Flucht und Vertreibung noch nicht vorbei, sondern er hält bis heute an. Auch nach 1945 blieben Menschen deutscher Sprache oder deutsche Staatsbürger in den Ländern des entstehenden „Ostblocks“. Sie lebten dort als nationale Minderheit in den Jahrzehnten bis zur politischen Wende 1989 unter sehr unterschiedlichen staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zumeist waren sie sprachlich-kulturell, aber auch wirtschaftlich und politisch diskriminiert, wobei dies in den einzelnen Ländern auch großen Unterschieden und Veränderungen unterlag. Auch nach dem Ende des Vertreibungsgeschehens kamen zurückgebliebene Bewohner der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete zwischen Ostsee und Schlesien als Aussiedler in die Bundesrepublik. Angehörige der deutschen Minderheit aus Rumänien, Ungarn und der Sowjetunion konnten seit den 1960er Jahren Anträge auf Einreise in die Bundesrepublik stellen, wenn ihnen die Ausreise in ihrer Heimat erlaubt wurde. Dies war jedoch in den meisten Fällen nicht einfach, dauerte oft Jahrzehnte und wurde von staatlichen Repressalien begleitet. Die Bundesrepublik zahlte zum Beispiel in Rumänien in vielen Fällen Geld für die Ausreise von Angehörigen der deutschen Minderheiten. Als Konsequenz der Ostverträge, in deren Gefolge Familienzusammenführungen und generell Ausreisen erleichtert wurden, kamen vor 1987 ca. 1,5 Millionen Deutsche in die Bundesrepublik, vor allem aus Polen und Rumänien. In den Jahren um 1989 kam es zu einem starken Anstieg  der  Aussiedler,  alleine  1990  waren  es  fast  400.000  Menschen,   seither gingen die Zahlen zunächst langsam, seit 2006 stark zurück. Insgesamt kamen bis heute etwa 4,5 Millionen Aussiedler mit deutschen Wurzeln in die Bundesrepublik.63 Die größte Gruppe unter ihnen waren die Deutschen aus der Sowjetunion (ca. 2,36 Millionen), gefolgt von Deutschen aus Polen (ca. 1,45 Millionen), aus Rumänien (ca. 431.000) und aus anderen Ländern (ca. 273.000).64 Bis heute pflegen sie hier ihre jeweilige regionale Identität und Kultur und werden dabei, wie die Flüchtlinge und Vertriebenen, von Bund und Ländern unterstützt. Im Freistaat Bayern ist dies eine der Aufgaben des Hauses des Deutschen Ostens.

Ausblick

In der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland leben heute Millionen von Menschen, die familiäre Wurzeln im östlichen Europa haben. Viele von ihnen haben Interesse daran, diese Wurzeln aufzuspüren, und reisen in die Länder, in denen ihre Vorfahren gelebt haben. Dies führt zu vielfältigen Kontakten und zum Brückenbau über die Gräben der Geschichte hinweg. Viele wegweisende grenzüberschreitende Kulturprojekte sind dabei entstanden, die helfen, die gegenseitigen Verletzungen, die das 20. Jahrhundert mit sich gebracht hat, zu heilen. Auch die deutschen Minderheiten in den Staaten des östlichen Europa können heute zum großen Teil ihre eigenständige Identität wieder pflegen und zu ihr stehen.

Anmerkungen

1 Dies ist der Ansatz von: Keith Lowe, Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950, Stuttgart 2014.
2   Der  Begriff  Zwangsmigration  hat  sich  in  der  Forschung  etabliert  und  beschreibt  als  wertfreier
Fachterminus die oft als „Flucht und Vertreibung“ bezeichneten Handlungen.
3 Detlef Brandes/Holm Sundhaussen/Stefan Troebst (Hg.), Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts, Wien/Köln/ Weimar 2010, S. 7.
4  Hans Lemberg, Das Jahrhundert der Vertreibungen, in: Dieter Bingen/Włodzimierz Borodziej/ Stefan
Troebst (Hg.), Vertreibungen europäisch erinnern? Historische Erfahrungen – Vergangenheitspolitik – Zukunftskonzeptionen (Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt 18), Wiesbaden 2003, S. 44 – 53.
5  Mathias Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen. Voraussetzungen, Verlauf, Folgen,   München
2011, S. 9; Karl Schlögel, Verschiebebahnhof Europa. Joseph B. Schechtmans und Eugene M. Kulischers Pionierarbeiten, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online- Ausgabe, 2 (2005), H. 3, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2005/id=4681
6 Keith Lowe, Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950, Stuttgart 2014.
7 Ray M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, München 2012, S. 17.
8  Rolf Peter Tanner, Politiken der ethnischen und kulturellen Homogenisierung und ihre Auswirkungen
auf die Kulturlandschaft, in: Vera Denzer/ Anne Dietrich/Matthias Hardt/Haik Thomas Porada/ Winfried Schenk (Hg.), Homogenisierung und Diversifizierung von Kulturlandschaften (Siedlungsforschung – Archäologie – Geschichte– Geographie 29), Bonn 2011, S. 329 – 344, hier: S. 334.
9     Michael  Schwartz,  Ethnische  „Säuberungen“  in  der  Moderne.  Globale   Wechselwirkungen
nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert, München 2013, S. 428.
10 Douglas, S. 34 u. 96; Holm Sundhaussen, Lausanner Konferenz, in: Lexikon der Vertreibungen, S. 387f.
11 Sundhaussen, Griechen aus der Türkei, S. 272ff.
12 Vgl. dazu: Matthias Stickler, „Christlich-griechisch“ oder „muslimisch-türkisch“ – Überlegungen zum Stellenwert religiöser und ethnisch- nationaler Identitätskonstruktionen beim griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923, in: Historisches Jahrbuch 135/2015 [im Druck].
13  Douglas, S. 96ff; Norman Naimark, Flammender Hass. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert,
München 2004, S. 141.
14 Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 38.
15 Douglas, S. 61f.
16 Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 42.
17 ebd, S. 64.
18 Schwartz, S. 533.
19 ebd., S. 538.
20 Douglas, S. 123 – 125.
21 Schwartz, S. 510.
22 ebd., S. 514.
23 Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 75.
24 ebd., S. 76.
25 ebd.
26 ebd., S. 76f.
27 Zitiert nach Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 80.
28 Schwartz, S. 554.
29 Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 80f.
30 Kateřina Lozoviuková, Brünner Todesmarsch, in: Lexikon der Vertreibungen, S. 85f; Lozoviuková, Aussiger Brücke, in: Lexikon der Vertreibungen, S. 57f.
31 Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 82.
32 Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin [„Potsdamer Abkommen“] (02.08.1945), zitiert nach: Historische Gedenkstätte des Potsdamer Abkommens Cecilienhof (Hg.), Das Potsdamer Abkommen. Dokumentensammlung, Berlin 1984, S. 193.
33 ebd., S. 196.
34 Schlögel.
35 ebd.
36 Norman M. Naimark, Flammender Hass. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert, München 2004, S. 172.
37 Schwartz, S. 506f.
38 Douglas, S. 459.
39 Historische Gedenkstätte des Potsdamer Abkommens Cecilienhof (Hg.), S. 196.
40 Douglas, S. 202.
41 Schwartz, S. 567f.
42 Christian Graf von Krockow, Die Stunde der Frauen. Ein Bericht aus Pommern 1944 bis 1947. Nach einer Erzählung von Libussa Fritz Krockow, Stuttgart 1988; dazu: Mathias Beer, „Die Stunde der Frauen“. Graf von Krockow revisited, in: August H. Leugers-Scherzberg/Lucia Scherzberg (Hg.), Genderaspekte in der Aufarbeitung der Vergangenheit (theologie.geschichte, Beiheft 8), Saarbrücken 2014, S. 233 – 261.
43 Douglas, S. 151.
44 Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 77.
45 ebd., S. 79.
46 Beata Halicka, Polens Wilder Westen. Erzwungene Migration und die kulturelle Aneignung des Oderraums 1945 – 1948, Paderborn 2013.
47 Schwartz, S. 569.
48 Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 82f.
49 Douglas, S. 282.
50 Gerhard Seewann, Ungarn, in: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen  im östlichen Europa, 2012, URL: ome-lexikon. unioldenburg.de/53722.html (Stand 29.11.2012).
51 ebd.
52 Beer, Flucht und Vertreibung der Deutschen, S. 97.
53 Pavel Poljan, Deportation, in: Lexikon der Vertreibungen, S. 122.
54 Schwartz, S. 524 – 527.
55 Arkadij German, Deutsche aus dem Wolgagebiet, in: Lexikon der Vertreibungen, S. 189 – 192.
56 Schwartz, S. 519f.
57 Philipp Ther, Die dunkle Seite der Nationalstaaten. „Ethnische Säuberungen“ im modernen Europa, Göttingen 2011, S. 198.
58  Ingomar Senz, Die Donauschwaben (= Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche; Band 5),
München 1994, S. 129f.
59 Schwartz, S. 573f.
60 Vgl. dazu das Standardwerk von Andreas Kossert, Kalte Heimat. Die Vertriebenen nach 1945 in Deutschland, München 2008.
61 Vgl. Matthias Stickler, Vertriebenenintegration in Österreich und Deutschland – ein Vergleich, in: Verschiedene europäische Wege im Vergleich. Österreich und die Bundesrepublik Deutschland 1945/49 bis zur Gegenwart. Festschrift für Rolf Steininger zum 65. Geburtstag. Hg. von Michael Gehler und Ingrid Böhler. Innsbruck 2007, S. 416 – 435.
62  Karin Pohl, Zwischen Integration und Isolation. Zur kulturellen Dimension der Vertriebenenpolitik  in
Bayern (1945–1975), München 2009, S. 41f.
63 Susanne Worbs/Eva Bund/Martin Kohls/Christian Babka von Gostomski, (Spät-)Aussiedler in Deutschland. Eine Analyse aktueller Daten und Forschungsergebnisse (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2013 Forschungsbericht 20), Berlin 2013, S. 7.
64 ebd., S. 28.