Delegationsreise nach Schlesien 2018

Bereits zum zweiten Mal veranstaltete der BdV Bayern eine Reise in das europäische Ausland, um sich über die Situation der deutschen Minderheiten vor Ort zu informieren. Im vergangenen Jahr besuchte die Delegation die Minderheit in Ungarn, in diesem Jahr ging es zu Gesprächen mit Vertretern der Minderheit nach Schlesien. An der sechstägigen Reise nahmen neben Mitgliedern des Vorstandes des BdV Bayern auch Vorstands- und Präsidiumsmitglieder der Landsmannschaften Schlesien und Oberschlesien sowie weitere Vertreter der Verbände  – unter ihnen auch Herta Daniel, Weltvorsitzende der Siebenbürger Sachsen – teil. Das Programm wurde von der BdV-Geschäftsstelle unter maßgeblicher Mitwirkung von Christian Kuznik, Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien in Bayern sowie BdV-Schatzmeister Paul Hansel und Dr. Gotthard Schneider, Präsident der schlesischen Landesvertretung, zusammengestellt.

Das erste Ziel der Reise war die Stadt Neisse/Nysa, wo die Gruppe mit herzlichen Grüßen des Bürgermeisters Kordian Kolbiarz und der Stadtverwaltung um Alicja Papis empfangen wurde. Am nächsten Morgen besuchte die Gruppe dann das Eichendorff Kultur- und Begegnungszentrum in Lubowitz. Geschäftsführer Paul Ryborz, der die Begegnungsstätte und das angeschlossene Museum über das Leben und Wirken des schlesischen Dichters Eichendorff seit einigen Jahren leitet, führte die Gruppe durch das Museum und über das Gelände. Neben dem Eichendorff-Museum existiert in dem Ort auch ein Begegnungszentrum mit bis zu 50 Betten, in dem regelmäßig Lehrerfortbildungen und Jugendbegegnungen zu den Themen der deutschen Minderheit stattfinden. Die Ruine des ehemaligen Schlosses Lubowitz ist mittlerweile weitgehend abgesichert und begehbar. Beim anschließenden Mittagessen berichtete Marcin Lippa, Vorsitzender des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in der Woiwodschaft Schlesien (VdG), über die Situation der deutschen Minderheitengruppe vor Ort. Insgesamt sei die Lage als stabil zu werten, so Lippa. Zahlreiche Projekte der vergangenen Jahre zeigten, dass das Interesse an der deutschen Minderheit vielerorts sogar steige.

Nächster Programmpunkt war ein Treffen mit Vertretern der Miro-Fußballschule, die vom VdG koordiniert wird. Die Gruppe besuchte hierzu das Gelände des Fußballvereins des Ortes Chronstau, wo am selben Tag das Turnier um den „Pokal des Vorsitzenden“ ausgetragen wurde. Rund 300 Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 14 Jahren hatten an dem Turnier teilgenommen. Bei einem gemütlichen Zusammensein berichteten Programmkoordinator Harald Bartela und Dominik Duda, Kulturmanager des Instituts für Auslandsbeziehungen, über die Miro-Fußballschule und deren Aktivitäten. Namenspatron der Fußballschulen ist Weltmeister Miroslav Klose, der selbst aus dem Oppelner Schlesien stammt. In insgesamt 13 lokalen Gliederungen werden Kinder und Jugendliche in den Miro-Fußballschulen sowohl in deutscher als auch in polnischer Sprache trainiert. Spielerisch sollen sie an die deutsche Sprache herangeführt werden. Sehr zu begrüßen ist, dass das Angebot von polnischen und deutschen Familien gleichermaßen angenommen wird. Die Fußballschulen seien so auch ein Ort der Verständigung und des Austausches.

Noch am selben Abend stand eine Begegnung mit Vertretern des Deutschen Freundschaftskreises in Körnitz/Kornica an. Der Freundschaftkreis um Paul und Teresa Rybczyk hat die Gruppe in seinen Räumlichkeiten in Körnitz herzlichst empfangen. Die Delegation hatte bei dem Treffen die Möglichkeit, sich mit Zeitzeugen auszutauschen und mehr über die Situation der Deutschen in Polen zu erfahren. Anschließend lud der Freundschaftskreis zu einem Abendessen. Der Chor des DFK „Körnitzer Stimme“, der speziell aus diesem Anlass zusammengekommen war, präsentierte schlesisches Liedgut in deutscher und polnischer Sprache. Der DFK Körnitz, der derzeit rund 180 Mitglieder hat, pflegt im Rahmen eines Schüleraustauschprogramms schon seit langem enge Kontakte in das bayerisch-schwäbische Hollenbach bei Aichach.

Ein Höhepunkt der Reise war die Teilnahme der Gruppe an der traditionellen Minderheitenwallfahrt am St. Annaberg/ Góra Świętej Anny. Zu dem Wallfahrtsgottesdienst an der Lourdes-Grotte, der in deutscher und polnischer Sprache abgehalten wird, waren in diesem Jahr erneut mehrere tausend Pilger an den Annaberg gekommen. Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg und Metropolit der Kirchenprovinz Bamberg, hielt in diesem Jahr das geistliche Leitwort. In seiner Ansprache betonte Schick, der auch Vorsitzender der deutsch-polnischen Kontaktgruppe der Deutschen Bischofskonferenz ist, dass gerade die Minderheiten zeigten wie Vielfalt in Einheit gelebt werden könne. Große Gefahr für ein Europa in Vielfalt gehe von den populistischen Strömungen aus, die in vielen Ländern Europas auf dem Vormarsch seien. Die Vielfalt Europas zu wahren und zu schützen sei ein zutiefst christlicher Auftrag. Gerade in einer globalisierten Welt gelte es mehr denn je die Verschiedenheit der Kulturen zu akzeptieren und die jeweils eigene Herkunft und Identität nicht zu vergessen. Grußworte zum Festgottesdienst sprachen zudem Bernard Gaida, Vorsitzender des VdG und der deutsche Botschafter in Warschau, Rolf Wilhelm Nikel. Auch Gaida betonte, dass es gelte, populistischen Parolen nicht zu folgen. „Wegschauen“ sei keine Alternative. Botschafter Nikel, der die Wallfahrt am Annaberg bereits zum dritten Mal besuchte, übermittelte den Pilgern die guten Wünsche des Bundespräsidenten. Die Minderheitenwallfahrt sei ein herausragendes Beispiel dafür, wie Friede und Versöhnung in Europa gelebt werden könnten. Weiterhin gelte es, das gute nachbarschaftliche Verhältnis zwischen Deutschen und Polen zu fördern. Auch für Europa gelte die Botschaft des Bischofs: Einheit in Vielfalt. Das gemeinsame Haus Europa müsse sich eben diesem Grundsatz verpflichten.

Im Anschluss an den Wallfahrtsgottesdienst kehrte die Gruppe im Pilgerheim am Annaberg ein.  Hier konnte die Delegation den Wettbewerb der Kinder und Jugendgruppen der deutschen Minderheit verfolgen, an dem zahlreiche kulturelle Tanz- und Musikgruppen aus dem Umfeld des VdG auftraten. Am Rande des Besuchs am Annaberg kam es darüber hinaus zu einem Zusammentreffen mit Erzbischof Schick, der sich interessiert über die Delgationsfahrt des BdV informierte.

Nach der Wallfahrt besuchte die Delegation aus Bayern die Gemeinde Krappitz/ Krapkowice südlich von Oppeln. Vertreter des lokalen Freundschaftskreises begrüßten die Gruppe und führten durch die Krappitzer Altstadt. Auf dem Turm des Krappitzer oberen Tors berichtete Bernard Friedla, zweiter Bürgermeister der Stadt Krappitz, über Geschichte und Gegenwart seiner Gemeinde. Beim der anschließenden Zusammenkunft hatten die Teilnehmer der Reise die Möglichkeit, sich mit den Vertretern des Freundschaftskreises auszutauschen.

Nach dem Abendessen im Sebastianeum in Groß Stein/ Kamień Śląski kam es im Sitzungssaal des Sebastianeums zu einer Begegnung mit Alfons Nossol, dem ehemaligen Bischof von Oppeln. Nossol gilt als einer der bedeutendsten „Brückenbauer“ und Vermittler zwischen Polen und Deutschen. Landesvorsitzender Christian Knauer würdigte den Bischof einleitend dafür, der deutschen Minderheit in Polen wieder eine Sprache gegeben zu haben. Gerade in der Zeit des Systemwechsels habe Nossol wesentlich zur Verständigung zwischen Deutschland und Polen beigetragen. Nossol berichtete im Anschluss in einem überaus prägnanten und weitsichtigen Vortrag über die Entwicklungen des Verständigungsprozesses zur Wendezeit und über die Möglichkeiten und Chancen der Verständigungsarbeit. Von großer Bedeutung für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen sei der Friedensgruß des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und des polnischen Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki bei der Versöhnungsmesse 1989 in Kreisau gewesen. Bei der Messe war die deutsche Minderheit zum ersten Mal seit 1945 wieder offiziell als solche aufgetreten. Auch die Friedensbotschaft „Achten der Minderheiten – der Weg zum Frieden“, die Johannes Paul II.  zum  Weltfriedenstag 1989 verkündet hatte, habe einen wesentlichen Beitrag zur Aussöhnung geleistet. Nossol betonte, dass der Weg der Verständigung und des „Brückenbauens“ auch künftig weiter beschritten werden müsse. Der Schlüssel hierzu sei das vereinte Europa. Als eine Gemeinschaft des Geistes und der Kultur müsse sich Europa jeder Form nationalistischer Vereinnahmung und Einengung entschieden widersetzen. Gerade die Heimatvertriebenen könnten sich durch das Vergeben und Brückenbauen auch weiterhin für die Einheit Europas in Vielfalt einsetzen.

Bernard Gaida, Vorsitzender des VdG, und Rafal Bartek, Vorsitzender  des VdG im Oppelner Schlesien,  empfingen den BdV am kommenden Morgen in den Räumen der Geschäftsstelle in der Oppelner Altstadt. Geschäftsführerin Maria Neumann begrüßte die Delegation und berichtete über die Tätigkeit und die Strukturen des VdG, der 1991 gegründet wurde. Bei dem anschließenden Meinungsaustausch betonte Bartek, dass es eine der größten Herausforderung des Verbandes sei, den Stellenwert der deutschen Sprache im Bildungs- und Schulwesen zu stärken. Es fehle insbesondere an fachkundigen Lehrkräften, die sowohl Polnisch als auch Deutsch unterrichten könnten. Im polnischen Schulsystem gebe es zudem vielerlei Hindernisse bei der Durchsetzung zweisprachigen Unterrichts. Bartek betonte darüber hinaus, dass es von Bedeutung sei, europaweit Minderheitenstandards einzuführen. Der Erfolg des MinoritySafePacks, das vom VdG intensiv unterstützt wurde, sei ein erster Lichtblick zu einer einheitlichen Umsetzung von Minderheitenstandards in Europa, so Bernard Gaida. Im Weiteren betonte Gaida, dass der VdG als Vertreter der deutschen Minderheit in Polen heute einen guten Draht in die bundesdeutsche Politik habe. Der Verband sei heute auf höchster politischer Ebene anerkannt und werde insbesondere auch vom Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung unterstützt. Mit den Landsmannschaften könne in verschiedenen Bereichen zusammengearbeitet werden, etwa im Bereich der Kulturpflege. Es sei anzustreben, Kooperationen dieser Art zu intensivieren. Als „Fürsprecher“ der Minderheiten werden der BdV und die Landsmannschaften den Minderheiten auch weiterhin politische Rückendeckung geben, so Christian Knauer bei dem Meinungstausch.

Beim anschließenden Besuch der Joseph-von-Eichendorff-Caritas-Zentralbibliothek, die 1989 von Erzbischof Alfons Nossol ins Leben gerufen wurde, konnte sich die Delegation über den Bestand und die Aufgaben der deutsch-polnischen Einrichtung informieren. Die Gruppe wurde bei ihrem Besuch von Karol Graca, Referent für Archivarbeit, und Diakon Marek Dziony, Referent für deutschsprachige religiöse Literatur und Minderheitenseelsorger der Diözese Oppeln, empfangen und geführt. Die jungen Bibliothekare berichteten auch über die Projektarbeit der Eichendorff-Bibliothek, etwa über die sogenannten Büchereibusse, die deutschsprachige Literatur direkt in die Gemeinden des Oppelner Umlandes bringen.

Beim anschließenden Besuch des Hauses der Deutsch Polnischen Zusammenarbeit in Oppeln, das von verschiedenen deutschen und polnischen Stiftungen getragen wird, konnte die Gruppe von Geschäftsführer Lucjan Dzumla mehr über die Aktivitäten des Hauses erfahren. Neben Veranstaltungen, Workshops und Lesungen veranstaltet das HDPZ unter anderem auch eine Akademie für die Selbstverwaltungsvertreter der deutschen Minderheit, um diese miteinander in Kontakt zu bringen und zu vernetzen.

Herzlich empfangen wurde die Gruppe beim Verein Pro Liberis Silesiae in Oppeln-Malino. Dr. Margarethe Wysdak, Vorsitzende des Vereins, und Vorstandsmitglied Barbara Loch führten die Gruppe durch das Schulgebäude und stellten die Tätigkeiten der bilingualen Bildungseinrichtung vor, die 2008 ins Leben gerufen wurde. Derzeit werden von dem Schulverein nach den Grundsätzen der Montessoripädagogik drei Schulen bzw. Kindergärten in Raschau, Goslawitz und Oppeln-Malino betrieben. Die Kinder werden sowohl in deutscher als auch polnischer Sprache betreut. Durch zahlreiche Projekte wie etwa die sogenannte „Kinderspielstadt“ werden die Kinder spielerisch an die deutsche Sprache herangeführt. Für die Zukunft und Weiterentwicklung des Vereins sei es von großer Bedeutung weitere qualifizierte Fach- und Lehrkräfte zu finden, die sowohl der deutschen als auch der polnischen Sprache mächtig sind. Zudem stellt die in Polen unlängst verabschiedete Bildungsreform den Verein vor das Problem für die nun zusätzlich zu betreuenden Schulklassen angemessene Räumlichkeiten zu Verfügung zu stellen.

Der letzte offizielle Programmpunkt der Reise war der Besuch des ehemaligen Kriegsgefangenen- und Internierungslagers Lamsdorf/Łambinowice.  Bereits im deutsch-französischen Krieg wurden hier Kriegsgefangene interniert. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurden in Lamsdorf von der Wehrmacht bis zu 400.000 Kriegsgefangene und sowjetische Soldaten festgehalten, von denen bis zu 40.000 an Hunger, Krankheit und den Folgen des Arbeitseinsatzes starben. In den Folgejahren des Krieges wurden unter polnischer Verwaltung dann mehrer tausend deutsche Zivilisten interniert. Erwiesenermaßen fielen über eintausend Menschen der Willkür der Lagerleitung zum Opfer. Heute ist auf dem Gelände eine Dokumentationsstätte eingerichtet, die das Schicksal der Kriegsgefangenen und der zivilen deutschen Opfer im Arbeitslager Łambinowice nach 1945 darstellt. Seit 1995 existiert auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitslagers eine Gedenkstätte. In Gedenken an die Opfer des Nachkriegslagers wurde 2002 von Erzbischof Alfons Nossol in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte ein Friedhof eingeweiht. Die Namen der Opfer erinnern und mahnen zugleich an künftige Generationen.

Den krönenden Abschluss der Reise bildete der Besuch Breslaus. Die Delegation konnte hier die zentralen Sehenswürdigkeiten der Stadt wie die Dominsel, den Großen Ring oder das alte Rathaus besichtigen. Schon bei dem Kurzbesuch zeigte sich, dass gerade die Stadt Breslau heute offen mit ihrer wechselvollen Geschichte umgeht. Die deutsche Vergangenheit wird nicht negiert, wie dies noch im sozialistischen Polen der Fall war, sondern in vielerlei Weise aufgearbeitet und erinnert. Nicht zuletzt machten die zahlreichen Begegnungen und Gespräche, die die Delegation des BdV im Laufe der Reise hatte, deutlich, dass das Erinnern und die Versöhnung für die Zukunft eines Europas in Frieden unabdingbar sind und dass für die deutsche Minderheit Schlesien als Heimat ermöglicht wird, vor allem indem sie ihre Sprache, Kultur und Geschichte frei und ungehindert leben kann.