
Ungezählte Fotos und Filme zeugten am dritten Sonntag vor Ostern in aller Welt von schlesischem Brauchtum. Als eine der wenigen Gruppen pflegt seit vielen Jahren die Riesengebirgs-Trachtengruppe München das traditionelle Sommersingen in der bayerischen Landeshauptstadt. Nach dem Glockenspiel und dem Schäfflertanz, die jeden Mittag Hunderte von Menschen vor dem Münchener Rathaus anziehen, gehörte am Sonntag Lätare die Aufmerksamkeit den schlesischen Trachten, die sich mit farbigen Buschen vor dem Haupteingang des Gebäudes aufgestellt haben. Mit Liedern und Tänzen gelang es ihnen auch heuer bei schönstem Sonnenschein innerhalb kurzer Zeit die Besucherinnen und Besucher der Innenstadt auf das bevorstehende Frühjahr einzustimmen.
Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte seine in Schweinfurt geborene Stadträtin Gudrun Lux (Bündnis 90/Die Grünen) gebeten, die Folkloregruppe zu begrüßen. Dass sie dabei besonders herzliche Worte fand und die Bedeutung der Heimat herausstellte, lag möglicherweise auch daran, dass ihre Familienwurzeln ins niederschlesische Waldenburg reichen und ihr Ehemann solche in Siebenbürgen hat. Nicht fehlen durften bei den Darbietungen auch der Landesvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Dr. Gotthard Schneider, BdV-Landesvorsitzender Christian Knauer und der Vorsitzende des Kulturwerks Schlesien, Paul Hansel. Obwohl er sich nichts anmerken ließ, war der Vorsitzende der Trachtengruppe, Uli Moll, in Gedanken wohl weniger bei der Aufführung seiner Gruppe, als vielmehr im Krankenhaus bei seiner Tochter, die ihn während des Auftritts ein weiteres Enkelkind schenkte.
Das „Summersinga“ war eine durch Jahrhunderte gepflegte Tradition in Schlesien. Die Kinder liefen mit aus Buntpapier geschmückten Stecken von Haus zu Haus und sangen „Summersunntich-Lieder“. Bekannt waren Melodien und Texte wie „Summer, Summer, Summer, ich bien a kleener Pummer“ oder „Rotgewand, Rotgewand, schöne grüne Linden, suchen wir, suchen wir, wo wir etwas finden“. Für ihren Gesang bekamen die Kinder meist Süßigkeiten, Obst oder gar Wurst.
Zurückgeführt wird der Brauch auf die Vermählung eines Sohnes des Herzogs von Schlesien und Polen, mit dem Vornamen Micislaus. Bis zu seinem siebenten Lebensjahr war er blind gewesen, später aber wieder sehend. Begeistert von der Christin Dombrowka, der Tochter des Königs von Böhmen, trat er als Heide zum Christentum über. Dies war Bedingung, denn sicher hätte die schöne Böhmin nie einen Heiden geheiratet. Die Vermählung fand im Jahr 965 am Sonntag Lätare statt.
Als Micislaus die Herrschaft über sein Reich angetreten hatte, befahl er seinen Untertanen, gleichfalls Christen zu werden und sofort alle Götzenbilder mit Schimpf und Spott zum Tore hinauszuschleppen und in die Sümpfe zu versenken. Auch gab er den Befehl, alle Jahre an diesem Sonntag Puppen, die ihre alten Götzen darstellen sollten, hinauszutragen und so in ihnen das Heidentum zu vertreiben. So trug man am Sonntag Lätare die Götzenpuppen hinaus und sang dazu Lieder, die den Sinn der Handlung wiedergeben sollten. Eines dieser Lieder lautete: „Woas troan mir, woas troan mir, a lebendiga Tud begroaba wir, wir begroaba ihn under die Tunne, doaß scheint die liebe Sunne.“
Dieser Brauch hat sich bis heute, vor allem in den niederschlesischen Gebieten erhalten. In dem Tod, den man hinaustreibt, glaubt man auch den Wintertod zu Grabe zu tragen. Und so verkündet der Sonntag Lätare für das wintermüde, nunmehr hoffnungsfreudig gewordene Volk sozusagen den Beginn der wärmeren Zeit. Darum nennt man den Sonntag Lätare auch den „Sommersonntag“ und den Brauch, an diesem Tage mit geschmückten „Sommerbäumen“ frohe Umzüge zu veranstalten, wobei ernste und scherzhafte Lieder gesungen werden, das Sommersingen. Christian Knauer
