Historischer Meilenstein: Ungarischer Staatspräsident gedenkt mit Bundespräsident den vertriebenen Ungarndeutschen

Gedenkakt 80 Jahre Vertreibung der Ungarndeutschen mit Präsident Steinmeier und Präsident Dr. Tams Sulyok
Historische Begegnung, von links: Dr. Tamás Sulyok, HDO-Direktor Prof. Dr. Andreas Otto Weber, Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier und Sozialministerin Ulrike Scharf, MdL. Foto: StMAS/B-Präsidialamt

Seit 2013 gedenkt Ungarn jährlich seiner nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vertriebenen deutschen Landsleute. Alljährlich gilt der 19. Januar als feststehender Termin, an dem das Ungarische Generalkonsulat in München zu einem entsprechenden Gedenkakt einlädt. Seit etlichen Jahren ist das Haus des Deutschen Ostens Mitveranstalter. Von Anfang an waren die Mitglieder der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, des BdV-Landesvorstandes und die Landesvorsitzenden der übrigen vierzehn Landsmannschaften willkommene Gäste. Als Gedenkredner konnten dabei stets Mitglieder der Ungarischen Regierung, der Selbstverwaltung der Deutschen in Ungarn, der Bayerischen Staatsregierung und aus den Reihen der Vertriebenenverbände gewonnen werden.

Der 19. Januar stand heuer ganz im Zeichen des Beginns der Vertreibung der Ungarndeutschen vor 80 Jahren. Mit ihrer Anwesenheit in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verliehen der Ungarische Staatspräsident Dr. Tamás Sulyok und Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem Gedenkakt eine ganz besondere Note. Durch klare Aussagen setzten beide Politiker ein bewegendes Zeichen des Erinnerns, des Respekts und der Versöhnung und leisteten somit einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung der historischen Wahrheit und zur Förderung des friedlichen Miteinanders in Europa.

An der Veranstaltung nahmen erneut hochrangige Vertreter aus Politik und Gesellschaft, insbesondere aber auch aus den Vertriebenenverbänden und -einrichtungen teil. Unter sie hatten sich unter anderem die Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, Ulrike Scharf, MdL, der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Bernd Fabritius, Ungarns Botschafter Dr. Péter Györkös, die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, Dr. Petra Loibl, MdL, der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Stephan Mayer, MdB, Prinz Ludwig von Bayern, die Vizevorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, Olívia Schubert, und BdV-Landesvorsitzender Dr. h.c. Christian Knauer gemischt. Die Moderation der Veranstaltung hatte der Direktor des Hauses des Deutschen Ostens, Prof. Dr. Andreas Otto Weber, übernommen. Musikalisch wurde der Gedenkakt von Szandra Holczinger (Gesang) und Mariann Molnár (Akkordeon) begleitet, die traditionellen Lieder wie „Adije main Schotz“ und „Nach meiner Heimat“ präsentierten.

Seinen Ursprung hat der Gedenktag in einem einstimmigen Beschluss des Ungarischen Parlaments im Dezember 2012. Seit der Parlamentswahl 2018 sitzt ein Vertreter der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) im Ungarischen Parlament. Die Zahl der deutschsprachigen Ungarndeutschen lag bei der Volkszählung von 2001 bei 62.233. Inklusive der assimilierten Ungarndeutschen wird ihre Zahl auf über 200.000 geschätzt. Eine Volksbefragung im Jahr 2011 ergab eine Zahl von 132.000 Personen, die als ihre nationale Zugehörigkeit Deutsch, sowie 32.000 Ungarn, die als ihre Muttersprache Deutsch angaben. 96.000 Ungarn bekundeten, zu Hause Deutsch zu sprechen. Eine Reihe von Ortschaften mit deutscher Minderheit weist zweisprachige Ortsschilder auf. In Ödenburg (Sopron) und Werischwar (Pilisvörösvár) sind auch Schilder mit deutschen Straßennamen zu sehen.

Die Vertreibung der Deutschen begann mit einem ersten Zugtransport am 19. Januar 1946 in Budaörs und endete im Juni 1948. Insgesamt kamen etwa 170.000 Ungarndeutsche in die amerikanische, weitere 50.000 Ungarndeutsche in die sowjetische Besatzungszone. Etwa die gleiche Anzahl der Ungarndeutschen verblieb in Ungarn, da die Aufnahmekapazitäten in den vier deutschen Besatzungszonen erschöpft waren. Das Leid der deutschen Minderheit begann jedoch schon früher. So wurden während der Kämpfe um Ungarn, in den Jahren 1944 und 1945, rund 40.000 ungarische Staatsbürger deutscher Abstammung, überwiegend junge Frauen und Männer im Alter zwischen 16 und 40 Jahren, auf sowjetischen Befehl zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. Rund ein Viertel der Verschleppten verlor in den dortigen Arbeitslagern ihr Leben. In den folgenden Jahren baten Regierungsvertreter und Parlamentarier die Betroffenen wiederholt um Entschuldigung – erstmals beispielsweise 1995, erneut 2006 bei der Eröffnung eines zentralen Mahnmals auf dem Alten Friedhof in Budaörs (Wudersch) oder 2007 durch die damalige Parlamentspräsidentin Katalin Szili mit einem klaren „Nie wieder!“. Diese Haltung im Gedenken spiegelt sich bis heute in einer ungarischen Minderheitenpolitik wider, die gewachsene Vielfalt achtet und staatliche Schutzfunktionen ernst nimmt. Sie erfüllt damit internationale Übereinkommen vorbildlich und ist zur Nachahmung empfohlen.
Text: Dr. h.c. Christian Knauer