Klein aber fein: Ungarndeutsche feiern ihr 75-jähriges Jubiläum – Gelungenes Fest in der Vertriebenenstadt Geretsried

Volles Haus beim Jubiläum.

Einen passenderen Versammlungsort als das Gemeindehaus der Evangelischen Petruskirche in Geretsried, konnte der bayerische Landesverband der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn (LDU) für seine 75-Jahrfeier kaum finden. Für das zweistündige Festprogramm hatte LDU-Landesvorsitzender Georg Hodolitsch alle Register gezogen. Die Politik, die mit Landrat Josef Niedermeier, Bürgermeister Michael Müller und dem ungarischen Konsul Dr. Zoltan Nanasi vertreten war, fehlte ebenso wenig, wie die Vertreter befreundeter Landsmannschaften, ein gutes Essen und gemütliche Zithermusik durch Sepp Widmann. Zu einer rhetorischen Höchstleistung lief BdV Landesvorsitzender Dr. h.c. Christian Knauer als Festredner auf, der die Gäste, im bis auf den letzten Platz besetzten Pfarrsaal, begeisterte.

Mit seinem Aufruf zur Fortsetzung der Brückenbauarbeit und zur Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt, hatte als Hausherr der Petrusgemeinde, Pfarrer Prof. Dr. Theo Heckel, den richtigen Auftakt geschafft. Landrat Josef Niedermeier und Bürgermeister Michael Müller dankten in ihren Grußworten den Ungarndeutschen vor Ort für deren wertvolle Aufbauarbeit bei der Entstehung ihrer neuen „Vertriebenenstadt Geretsried“. Dabei erinnerten sie an die 1937 vor Ort vom NS-Regime errichteten beiden Munitionsfabriken der „Dynamit Aktien Gesellschaft“ und der „Deutschen Sprengchemie“. 1946 seien die leeren Bunker und Gebäude schließlich zur Unterbringung deutscher Flüchtlinge aus Osteuropa genutzt worden. 1949 hätten sich die Neuankömmlinge organisiert und am 1. April 1950 die Gemeinde Geretsried, die am 27. Juni 1970 das Stadtrecht erhielt, gegründet. Die Anfang der 1980er Jahre gegründete Städtefreundschaft zum ungarischen Pusztavám, die sich großen Zuspruchs erfreut, sei auf die Initiative der Landsmannschaft entstanden.

Die Grüße der Bundeslandsmannschaft überbrachte deren Vorsitzender Joschi Ament. Er wies dabei darauf hin, dass der Bundesverband erst am 22. November 1980 in Stuttgart als einheitliche Landsmannschaft aller Ungarndeutschen gegründet worden sei und damit wesentlich jünger ist, als der bayerische Landesverband. Bei der damaligen Gründung handelte es sich um den Zusammenschluss der bis dahin selbstständigen Landsmannschaften in Bayern und Baden-Württemberg, die beide im Jahr 1949 ins Leben gerufen wurden. Der Arbeitsschwerpunkt der Landsmannschaft hätte sich in den letzten Jahren stark verändert. Die Erlebnisgeneration würde von Jahr zu Jahr weniger. Familiäre Verbindungen zwischen einst heimatvertriebenen und heimatverbliebenen Ungarndeutschen rückten mit jeder neuen Generation weiter in den Hintergrund. Heute gehe es vor allem darum, der Jugend die Möglichkeit zu geben, mehr über die Geschichte und die Identität ihrer Vorfahren zu erfahren. Deshalb wolle man symbolische Brücken zwischen der Enkel- und Urenkelgeneration hin zur Bekenntnisgeneration bauen. Natürlich setze man sich auch für die Wahrnehmbarkeit der Landsmannschaft als Institution und als Bindeglied zu den Vertretern der Bundes- und Landespolitik ein. Nicht zuletzt aber fasziniere die Aufgabe als Brückenbauer, um sich auch künftig für eine lebendige Völkerverständigung zwischen den Menschen in ganz Europa zu engagieren. Hier leiste der bayerische Landesverband hervorragende Arbeit.

Konsul Dr. Zoltan Nanasi, der die Grüße des Ungarischen Generalkonsulats in München überbrachte, erinnerte daran, dass am Ende und in den Folgejahren des Zweiten Weltkrieges durch einschneidende Maßnahmen gegen die Ungarndeutschen, die bis dahin nahezu 1.000 Jahre bestehende Völkerfreundschaft im Land zerstört wurde. Durch die Einbeziehung der Vertriebenen in die Restitution, die einstimmig am 12. Dezember 2012 im Parlament beschlossene Einführung eines „Gedenktages zur Verschleppung der Ungarndeutschen“ und der vorbildlichen Förderung der deutschen Minderheit, habe man als erstes Land des ehemaligen „Warschauer Paktes“ nach einem Ausgleich mit den Betroffenen gesucht. Ausdrücklich wollte das Parlament bei der Beschlussfassung die Wahrheit aussprechen und den verfolgten und vertriebenen Personen die Ehre erweisen. BdV-Landesvorsitzender Dr. h.c. Christian Knauer würdigte die ungarndeutsche Minderheit als besonders staatstreu. Viele der vertriebenen ungarndeutschen Landsleute hätten sich stärker mit Ungarn, als mit jeder anderen Nation identifiziert. Dies sei schon nach dem Ersten Weltkrieg beim Volksentscheid über die Zugehörigkeit Ödenburgs (Sopron) zum Ausdruck gekommen. Die überwiegend deutsche Bevölkerung hatte im Dezember 1921 mit 72,8 Prozent für einen Verbleib bei Ungarn votiert und damit österreichischen Bestrebungen, die Stadt zur Hauptstadt des Burgenlandes zu machen, eine Absage erteilt. Umso größer waren Schmerz und Enttäuschung, von Haus und Hof vertrieben zu werden.

Ungarn habe es nach der politischen Wende besser als jedes andere Land verstanden, nach einem Ausgleich zu seinen vertriebenen Landsleuten zu suchen. Der frühere ungarische Generalkonsul László Püspök habe sich bereits Anfang der 90er-Jahre beim Schwäbischen Vertriebenentag in Königsbrunn im Namen seines Landes für die Vertreibung der Ungarndeutschen entschuldigt. Auf solche eindeutigen Signale würden andere Volksgruppen noch heute warten. Eindringlich appellierte Knauer an die Versammlung, sich kritisch mit den jeweiligen innen- und außenpolitischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Der Spruch „Totale Harmonie verblödet!“ könne hierfür zum Nachdenken anregen. Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit müssten ständig neu verteidigt werden. Wie leichtfertig es war, diese Errungenschaften als selbstverständlich zu betrachten, zeige sich an der gegenwärtigen weltpolitischen Lage. Umso wichtiger sei es, die Geschichte stärker zu vermitteln, dabei auch die Grausamkeiten durch Totalitarismus und Diktatur zu benennen und die Menschen zu stärkerem gesellschaftlichem Engagement und Wachsamkeit gegenüber inneren und äußeren Bedrohungen anzuregen. S.M.

Fröhliche ungarndeutsche Trachtenträger. Fotos: S. M.