
Auf ein außerordentlich großes Interesse stieß die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Aichach mit ihrem Vortragsnachmittag. Aus Anlass der 80. Wiederkehr des Beginns von Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei berichteten mit Jonny Michl und dem Aichacher Unternehmer Hermann Zenker zwei Zeitzeugen, die als Kinder die damaligen Ereignisse im Sudetenland am eigenen Leib miterlebt hatten. Aichachs stellvertretende SL-Ortsobfrau Erika Glöckner konnte ihre Überraschung nicht verhehlen, dass sich vor allem eine große Zahl von Nichtmitgliedern im Gasthof Specht eingefunden hatten. Es werde immer schwieriger, heute noch Zeitzeugen zu finden, die über die schrecklichen Ereignisse nach 1945 sprechen können, da der größte Teil der Erlebnisgeneration bereits verstorben sei. Dieser Tatsache war es wohl auch geschuldet, dass das große Nebenzimmer der Gaststätte nicht ausreichte, um allen Interessenten Platz zu bieten.
Die Bereitschaft zum Zuhören war schließlich so groß, dass man buchstäblich eine Nadel fallen hören konnte. Jonny Michl, der 1940 im Landkreis Zwittau im Schönhengstgau, etwa 160 Kilometer östlich von Prag geboren wurde, berichtete eindrucksvoll vom Abschiednehmen im Juli 1946. Ein Polizist hatte der Mutter mitgeteilt, dass man sich am nächsten Morgen um sieben Uhr am „Milchbankerl“ einzufinden habe. „Man soll nicht viel einpacken, denn man komme ja bald wieder zurück.“ Mit diesen Worten hatte man wohl zur Beruhigung beitragen wollen. Acht Kilometer musste man am Folgetag bis zum nächsten Bahnhof zu Fuß zurücklegen, um in Viehwaggons zu je 35 Personen ins ostböhmische Pardubitz transportiert zu werden. Dort wurde der Sechsjährige von seiner Mutter getrennt, die bei tschechischen Bauern arbeiten musste. Sechs Tage gab es für die wegen Verdacht auf Läusebefall kahlgeschorenen Kinder keine Möglichkeit, ihre Kleidung zu wechseln. Schlafen mussten sie in einer Scheune auf Stroh. Bei der Weiterfahrt mit dem Zug hatten vor allem die älteren Menschen Angst vor einer Deportation nach Russland. Glücklicherweise fand die Odyssee nach 14 Tagen mit der Ankunft in Bad Schandau ihr Ende.
Michl räumte unumwunden ein, dass die damaligen Kinder inzwischen viel vergessen hätten, da negative Ereignisse offensichtlich leichter verdrängt würden. In der sowjetischen Besatzungszone war die erste Station ein Quarantänelager. Von dort wurden er mit seiner Mutter und Schwester von einem Bauern zur Mitarbeit auf dem Hof abgeholt. Diese Zeit empfand er als „schön“, da er mit den Töchtern des Landwirts Spielgefährtinnen hatte. Mit einer steht er heute noch in Kontakt. Nach Aichach kam die Familie durch den Vater, der in Dachau aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Auf abenteuerliche Weise schafften es die Michls die Demarkationslinie zu überwinden. So lernte Jonny Michl am 28. Juli 1949 vormittags seinen bis dahin völlig unbekannten Vater kennen. Zu fünft lebte man zunächst in einem zehn Quadratmeter großen Wohnraum in der Schrobenhausener Straße, bevor man später in die Gartenstraße zog. Michls schulische Wege waren wegen Fehlens des notwendigen Fahrtgeldes beschränkt auf den Besuch einer privaten Handelsschule. Als Versicherungskaufmann machte er sich später selbstständig und übernahm frühzeitig Ehrenämter beim Schützenverein, der Sorgenkinderelf, bei ADAC, dem BCA und in Theatergruppen.
Hermann Zenker, der bei der Vertreibung zwölf Jahre alt war, und mit seinen Eltern in Platten, unweit der deutschen Grenze bei Johanngeorgenstadt im böhmischen Teil des Erzgebirges lebte, erschütterte mit seinen Erzählungen gegen Ende des Weltkrieges. Viele deutsche Soldaten waren damals auf der Flucht vor der Roten Armee, tauschten bei seinem Vater Uniformen gegen Zivilkleidung, wurden aber vielfach von SS-Trupps aufgegriffen und aufgehängt. Sein Vater konnte nur durch die energische Fürsprache einer ukrainischen Fremdarbeiterin vor dem Erschießen gerettet werden.
Von den Tschechen wurde er zunächst als Betriebsleiter übernommen. Nachdem er sich weigerte, im Zuge einer Betriebsverlegung in die Slowakei umzusiedeln, wurde er zum Kutscher degradiert. 1946 begann auch die Vertreibung seiner Familie über das Auffanglager bei Neudek, schließlich mit Güterwaggons zu einer Kaserne nach Gera und schließlich nach Sonneberg, wo man drei Wochen auf blankem Erdboden verbringen musste und die Versorgung katastrophal war.
Wie Michl berichtete der spätere Unternehmer ebenfalls von Ähren- und Kartoffellesen auf den Feldern und leergefegten Wäldern. Über das Grenzdurchgangslager Moschendorf bei Hof fand die Familie bei einer ehemaligen Mitarbeiterin ihrer Firma in Haslangkreit eine Unterkunft. Das „Storchengeklapper“ war sein erster Eindruck, der sich bis heute noch fest in sein Gedächtnis eingeprägt habe. Ein glücklicher Umstand war es für seine Familie, dass viele ehemalige Betriebszugehörige als Zuzugsorte Kühbach und Aichach zugewiesen bekamen. So konnte in einem Kühbacher Kuhstall die frühere Produktion wieder aufgenommen werden. Später kaufte man zwei Baracken am Oberbernbacher Weg. Dort gab es zunächst weder Strom noch Wasser. Sein Bildungsweg war für Hermann Zenker ebenfalls nicht einfach. In der Volksschule Kühbach zeigten sich zunächst große Lücken, die nur durch intensives Trimmen durch Schulleiter Ferenz beseitigt werden konnten. Bei der im Allgäu lebenden Großmutter wurde er schließlich in der Oberrealschule eingeschult und wechselte bald darauf nach Schrobenhausen. Als Arbeitgeber sorgte er später jahrzehntelang für gesicherte Einkommen vieler Aichacher Arbeitnehmer.
Text: Dr. h.c. Christian Knauer

