Erstmalige Geste in Deutschland: Gedenkakt im Bayerischen Landtag zu 80 Jahren Flucht und Vertreibung

Gedenkakt des Bayerischen Landtags anlässlich „80 Jahre Flucht und Vertreibung – 75 Jahre Verständigung“ im Plenarsaal des Maximilianeum. Foto: Stefan Obermeier/Bildarchiv Bayerischer Landtag

Dass in Bayern die Uhren tatsächlich „anders gehen“, stellte der Bayerische Landtag am 29. Oktober erneut unter Beweis. Als erstes bundesdeutsches Parlament gedachte die Volksvertretung mit einem eigenen Gedenkakt der Opfer von Flucht und Vertreibung. Anlass hierfür war die 80-jährige Wiederkehr der Vertreibung von rund 15 Millionen Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostprovinzen, dem Sudetenland und den östlichen Siedlungsgebieten.

Mit einem einstimmigen Beschluss zu einem gemeinsamen Antrag von CSU und Freien Wählern hatten die Abgeordneten kurz vor der Sommerpause hierfür den Grundstein gelegt. Bereits am 5. Juli hatte die Bayerische Staatsregierung mit einer eigenen Gedenkveranstaltung im Prinz-Carl-Palais an die Ereignisse von Flucht, Vertreibung und Deportation erinnert, in deren Verlauf über zwei Millionen Todesopfer zu beklagen waren. Während beider Termine wurden auch die außergewöhnlichen Beiträge der Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler zum Wiederaufbau unseres Landes und zur Versöhnung der Völker im Herzen Europas gewürdigt. In eindrucksvollen Reden unterstrichen Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Staatskanzleiminister Dr. Florian Herrmann, MdL, dass die Heimatvertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler stets Brückenbauer zwischen den Völkern waren. Die Überschrift zum Gedenkakt „80 Jahre Flucht und Vertreibung – 75 Jahre Verständigung“ fasse die Ambivalenz, das Spannungsfeld, aber auch die Hoffnung, mit der man auf die Geschichte der Heimatvertriebenen blicken könne, kurz und prägnant zusammen. Sie erinnere an unermessliches Leid, an Entwurzelung, an die Verletzungen der Seele und des Herzens, die Flucht, Vertreibung und Verlust mit sich brachten. Sie erinnere aber zugleich an die Kraft derjenigen Menschen, die aus diesem Leid Hoffnung werden ließen – durch Mitmenschlichkeit, Aufbauwille und die Suche nach Frieden. In einer von vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bezeichneten „Rede seines Lebens“ gelang es BdV-Landesvorsitzendem Dr. h.c. Christian Knauer das persönliche Leid der Betroffenen mit seinen vielfältigen Facetten in den Mittelpunkt zu stellen. Hierfür und vor allem für seine Feststellung gegen Ende seiner Ausführungen, „Die Betroffenen der damaligen Zeit, aber auch viele ihrer Kinder und Enkelkinder aus der eigenen Familiengeschichte wissen zu gut, zu was Nationalismus, Totalitarismus, Kommunismus, menschliche Überheblichkeit, egoistische Machtansprüche und Rassismus führen können. Deshalb werden wir diese ‚Quellen des Bösen‘ weiterhin entschieden bekämpfen, damit anderen das erspart bleibt, was unsere Familien er- und durchleiden mussten. Gerade heute, wo extremistische, antisemitische und autokratische Kräfte sich im Aufwind wähnen, gilt es, gemeinsam für unseren freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaat entschlossen einzutreten. Unsere Freiheit ist es wert, sie gegen alle Feinde von innen und außen entschlossen zu verteidigen“, erntete er minutenlange stehende Ovationen des Hauses.
Text: Susanne Marb